150. Geburtstag von Johannes Delitsch - 05. 12. 2008

06.12.2008von Roland Schmidt

 

Er ist heute beinahe vergessen – doch seine Verdienste um viele Plauener Kinder und Jugendliche sind nicht hoch genug zu würdigen: Johannes Delitsch, der vor 150 Jahren, am 5. Dezember 1858 in Leipzig geboren wurde. Sein Vater war eigentlich Theologe, machte sich aber später als Geographie-Professor an der Universität der Messestadt einen Namen, und seine Mutter galt als Lieblingsschülerin Friedrich Fröbels. So war ihm seine Lebensaufgabe bereits in die Wiege gelegt – aus christlicher Nächstenliebe sich für die Schwächsten der Gesellschaft einsetzen, ihnen helfen, einen freilich oft bescheidenen, aber sicheren Weg ins Leben zu finden.

Gesundheitliche Gründe führten Johannes Delitsch schon als Jugendlichen ins Vogtland, wo er von 1873 bis 1878 das Plauener Lehrerseminar besuchte. Nach kurzer Hauslehrertätigkeit und einem Zusatzstudium in Leipzig trat er 1882 in das Plauener Volksschulwesen ein, dem er bis zum seinem Tod die Treue hielt. Seine erste Arbeitsstelle war die (spätere) Schillerschule an der Pauluskirche, wo er sich vor allem der geistig schwachen Kinder annahm. Für ihre spezielle Unterweisung gab es damals erst wenige sichere Erkenntnisse. Wie seine Kollegen in anderen Teilen Deutschlands musste auch Delitsch mühsam Schritt für Schritt in die neue Materie eindringen, wobei auch schmerzliche Irrtümer nicht ausblieben. Doch der rege Gedankenaustausch führte zu ersten Erfolgen. Johannes Delitsch sah sich dabei stets als Lernender, auch wenn er immer stärker als Gebender auftrat. Seine Artikel in Fachzeitschriften zur Hilfsschulpädagogik fanden zunehmende Aufmerksamkeit, und folgerichtig wurde er 1904 zum Vorsitzenden des von ihm mitbegründeten „Sächsischen Hilfschullehrervereins“ gewählt. Schwerpunkt seiner Arbeit blieben aber die Plauener Förderschüler. Seit 1902 waren sie aus allen Plauener Schulen in der (späteren) Schillerschule zusammengefasst worden, und 1906 hatte Johannes Delitsch die Gründung einer eigenständigen Hilfsschule durchgesetzt, der er als Direktor vorstand. Sie zog mit 200 Kindern in 10 Klassen in das alte – im 2. Weltkrieg zerstörte – Gebäude am Schulberg nahe der Johanniskirche, fünf Jahre später in die freundlicheren Unterrichtsräume in der Seminarstraße, die vorher das Gymnasium beherbergt hatten. Delitsch war sich der Tatsache bewusst, dass die lichteren Räume nicht nur die Lernleistungen der Schüler förderten, sondern auch die öffentliche Akzeptanz der Hilfsschule in der Plauener Bevölkerung. Darüber hinaus führte er an seiner Schule viele pädagogische und soziale Maßnahmen ein, die bald auch von anderen Plauener Schulen übernommen wurden. Doch auch jenseits der Stadtgrenzen fand Delitschs Arbeit Aufmerksamkeit, so dass die Plauener Hilfsschule zum Vorbild für ähnliche Gründungen in ganz Deutschland wurde.

Neben seiner Tätigkeit als Hilfsschuldirektor baute Johannes Delitsch in ehrenamtlicher Arbeit in Plauen ein Jugendfürsorgesystem auf, das auch aus heutiger Sicht als vorbildlich bezeichnet werden muss. 1908 gründete er den Verein „Jugendfürsorge“, der sich um Kinder und Jugendliche aus sozial gefährdeten Familien kümmerte. Durch Beratung der Eltern und ihrer Kinder, durch effektive Erziehungshilfe, durch Vermittlung von Pflegeeltern oder Arbeitsstellen für Jugendliche leistete der Verein einen unschätzbaren Beitrag, junge Menschen vor dem sozialen Absturz zu retten. Welches Ausmaß dieses Arbeit annahm, zeigt allein die Tatsache, dass zwischen 1908 und 1918 in der rasant wachsenden Großstadt Plauen mehr als 7300 Klienten um Hilfe nachsuchten. Gleichzeitig setzte sich Johannes Delitsch für straffällig gewordene Kinder und Jugendliche ein. Mit aller Kraft kämpfte er darum, nicht allein ihre Straftat zu sehen, sondern auch das Umfeld, die sie begünstigte. „Erziehen statt Strafen“ lautete seine Devise, und viele Jugendliche dankten ihm das ein Leben lang.

Ein zweiter Schwerpunkt der Vereinsarbeit war die medizinische und soziale Aufklärung der Eltern. 1908 verfasste Johannes Delitsch ein Aufklärungsblatt über die damals weit verbreitete Rachitis. Die 600 000 Exemplare fanden nicht nur in Sachsen, sondern auch in Preußen und Oesterreich reißenden Absatz. Schließlich sorgte sich der Verein „Jugendfürsorge“ auch um die außerschulische Betreuung der Kinder. Von 1908 bis zum Ersten Weltkrieg gründete er in Plauen 8 Horte mit insgesamt 508 Plätzen, die überwiegend von Mädchen belegt wurden. Delitschs größter Erfolg war jedoch die Errichtung eines Erziehungsheimes für sittlich stark gefährdete Kinder. Dafür hatte die Stadt Plauen 1910 auf Reusaer Flur ein geeignetes Grundstück und ein Startkapital zur Verfügung gestellt, den weitaus größeren Teil der Bausumme – rund 70 000 Mark – musste der Verein jedoch selbst aufbringen. Im Bunde mit den Stadtvätern organisierte Johannes Delitsch am 25. März 1911 in Plauen einen „Margaretentag“ (Tag der Barmherzigkeit). Auf Straßen und Plätzen wurde für das Kinderheim gesammelt, Künstler sangen und spielten für den guten Zweck, Geschäfte und Gaststätten spendeten bis zu 10 Prozent ihrer Tageseinnahmen. Das benötigte Geld kam zusammen, und bis zum Oktober 1911 wurde das Gebäude errichtet, das zu Ehren des verdienstvollen Plauener Pädagogen „Friedrich-Krause-Stift“ benannt wurde. Johannes Delitsch übernahm die pädagogische Leitung der Einrichtung, die jeweils 30 Kinder für einen längeren Erziehungsprozess aufnehmen konnte.

Johannes Delitsch trug sich mit weiteren Plänen, den sozial und geistig benachteiligten Kindern und Jugendlichen zu helfen. 1919 gründete er die Zeitschrift „Kind und Jugend“, die er zum besseren Erfahrungsaustausch von Pädagogen und Jugendfürsorgern in Deutschland und in den USA vertreiben wollte. Doch das Erfolg versprechende Projekt kam über die ersten Schritte nicht hinweg – nach längerer Krankheit starb Johannes Delitsch 61-jährig am 24. April 1920. Sein Tod hinterließ eine schmerzliche Lücke in der Plauener Schul- und Jugendarbeit, und unter den zahlreichen Trauergästen, die ihm auf dem Hauptfriedhof das letzte Geleit gaben, waren viele, die ihn zu Recht als ihren „zweiten Vater“ verehrten.

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