1928 schlossen die Lehrerseminare in Auerbach und Plauen ihre Pforten

03.04.2003von Roland Schmidt

 

"Was vergangen, kehrt nicht wieder. Ging es aber leuchtend nieder, leuchtets lange noch zurück!" Unter diesem Motto fanden sich vor 75 Jahren - Anfang März 1928 - in Auerbach und Plauen festlich gekleidete Damen und Herren zusammen, um in einem feierlichen Akt die Lehrerseminare beider Städte zu schließen. Noch einmal saßen die Honoratioren der zwei Städte, die Vertreter des Volksbildungsministeriums des Freistaates Sachsen, die Lehrkräfte der beiden Seminare und viele Absolventen der Einrichtungen zusammen. Noch einmal würdigten sie die Bedeutung beider Seminare für die Entwicklung des Volksschulwesens im Vogtland, und noch einmal schwelgten die ehemaligen Seminaristen mit ihren Lehrern in Erinnerungen. Doch auch der Blick nach vorn, auf die neuen Formen des Volksschullehrerbildung in Sachsen fehlte nicht. So traf Altes auf Neues, doch ganz im Sinne des obigen Mottos beherrschte die stolze Bilanz des Vergangenen die Abschiedsfeiern, und sie überstrahlte auch noch lange den Tag der endgültigen Schließung der beiden vogtländischen Lehrerseminare. Die Anfänge des Plauener Seminars gingen bis ins Ende des 18. Jahrhunderts zurück. Damals hatte der Rektor des Lyceums, Johann August Görenz, begonnen - unterstützt vom Superintendenten Hand, einzelnen Jugendlichen eine pädagogisch-methodische Unterweisung zu geben, um sie zu Lehrern für die vogtländischen Kirchschulen auszubilden. Das betraf vor allem jene jungen Männer, die über eine gute geistige Befähigung verfügten, jedoch auf Grund ihrer sozialen Herkunft von vornherein keine Chance hatten, ein Universitätsstudium aufzunehmen. Das Angebot, als Lehrer in den Dorfschulen zu arbeiten, versprach zwar alles andere als das Paradies, war aber für viele Absolventen der Hohen Schule zu Plauen ein möglicher Weg, den täglichen Lebensunterhalt mit eigener Arbeit zu verdienen. 1810 hatte Hands Nachfolger, Superintendent Tischer, bei König Friedrich August I. für diese Ausbildungsform die Anerkennung als "Voigtländisches Schullehrerseminarium" durchgesetzt, dennoch blieb sie weiter Teil des Lyceums. Erst 1835 erlangte das Seminar seine Selbstständigkeit, und nach einer zehnjährigen Odyssee auf der Suche nach geeigneten Räumen quer durch die Stadt konnte es 1845 endlich einen Neubau in der Seminarstraße beziehen. Zu dieser Zeit zählte die von Direktor Johann Gottfried Wild (1802 - 1878) geleitete Einrichtung 54 Schüler in vier Klassen, die von sieben Lehrern in einem vierjährigen Lehrgang unterrichtet wurden. Unter den damaligen Seminaristen war auch von 1844 bis 1848 Friedrich Dittes aus Irfersgrün, der später wegen seines mutigen Auftretens für eine fortschrittliche Schule über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt wurde. So wie er kam auch die Mehrzahl der anderen Seminaristen aus den einfachen Schichten des Volkes. Ihr Seminarbesuch war für die Eltern mit großen finanziellen Opfern verbunden, und für die jungen Männer war Schmalhans oft genug Küchenmeister. Das half ihnen, die Nöte des Volkes und die sozialen Probleme ihrer Schüler besser zu verstehen. Gleichzeitig erwarben sie eine grundlegende pädagogisch-methodische Ausbildung, gepaart mit praktischen Unterrichtserfahrungen an der mit dem Seminar verbundenen Übungsschule, die sie zu einer qualitativ ansprechenden Arbeit befähigte. Schließlich waren sie durch ihre Seminarlehrer in viele Fragen der Pflanzen- und Tierwelt, der Geographie und Geschichte der engeren Heimat eingeweiht worden, die sie in ihren Einsatzorten nicht nur im Unterricht für die Kinder, sondern auch mit Rat und Tat für die Erwachsenen nutzbringend anwenden konnten. Gleiches galt auch für ihre musikalischen Fähigkeiten, die am Seminar eine gründliche Ausbildung erfahren hatten. Mit dem Volksschulgesetz des Königreiches Sachsen vom 26. April 1873 erhöhten sich die Anforderungen an die Bildung und Erziehung der Kinder des einfachen Volkes. Das hatte die Gründung weiterer Seminare in Sachsen zur Folge, und am 7. Mai 1876 wurde das Auerbacher Lehrerseminar eröffnet. Auch diese Einrichtung mit zunächst 47 Seminaristen und fünf Lehrern war vorerst nur in bescheidenen Räumen am Neumarkt untergebracht, bevor zwei Jahre später, im Herbst 1878, ein repräsentativer Neubau geweiht werden konnte. Gut zwanzig Jahre später (1899) erhielt auch das Plauener Seminar einen würdiges Gebäude am Dittrichplatz. Er beherbergt heute die Polizeidirektion. Die inzwischen für alle sächsischen Seminare auf sechs, ab Ostern 1914 gar auf sieben Jahre ausgedehnte Ausbildungszeit bot bessere Lernbedingungen für die Seminaristen. Dagegen war das für alle Knaben verbindliche Wohnen in einem streng reglementierten Internat stets umstritten, weil es die Jugend nicht genügend zur Selbstständigkeit erzog. Dennoch verließen sowohl in Plauen als auch in Auerbach Jahr für Jahr junge Männer das Seminar, deren Tätigkeit als volks- und heimatverbundene Lehrer der Kinder des einfachen Volkes nicht hoch genug gewürdigt werden kann. Trotzdem beschloß der Sächsische Landtag im März 1922, die Lehrerseminare des Freistaates zu schließen und die bestehenden Einrichtungen in Deutsche Oberschulen umzuwandeln. Die Gründe dafür reichen bis in die Revolutionszeit 1848 /49 zurück. Damals war die Hochschulausbildung aller Volksschullehrer eine zentrale bildungspolitische Forderung, und auch später wurde sie immer wieder erhoben. Nach der Novemberrevolution 1918/19 schien die Gelegenheit gekommen, in ganz Deutschland eine einheitliche Hochschulausbildung aller Lehrer zu verwirklichen. Der Artikel 143 der Weimarer Verfassung stellte dafür sogar ein spezielles Gesetz in Aussicht, das jedoch nie zustande kam. So versuchten wenigstens Sachsen und Thüringen, dieses Ziel im Alleingang zu erreichen. Am 23. März 1923 beschloß der Sächsische Landtag per Gesetz, die Volksschullehrer künftig nur noch an der Universität Leipzig und an der Technischen Hochschule Dresden auszubilden. Das Studium setzte das Abitur und damit ein um sechs Jahre späteres Aufnahmealter der Bewerber voraus. Die Aufgabe, befähigte Jungen und Mädchen über die Reifeprüfung zum Lehrerstudium, aber auch zu anderen Studiengängen zu führen, erhielt die neu konzipierte Deutsche Oberschule. Sie baute auf die vierjährige Grundschule auf und vermittelte in neun Jahren einen vordergründig deutschkundlichen Inhalt. Zu Ostern 1922 hatten diese Deutschen Oberschulen in Auerbach und Plauen ihre Arbeit aufgenommen. Gleichzeitig wurden aber die noch nach der alten Seminarkonzeption geführten Jahrgänge planmäßig zu Ende geführt, so dass im März 1928 die letzten Seminaristen entlassen wurden. Die Seminare in Plauen und Auerbach schlossen ihre Pforten, doch ihr Geist wirkte noch lange nach. Zum einen durch die feste Bande, die es zwischen den Seminaristen gab - die Zeitschrift "Der Plauener Seminarbote" erschien noch bis zum Beginn der vierziger Jahre -, zum anderen aber vor allem durch die hingebungsvolle Arbeit vieler Volksschullehrer mit den Kindern, mancher politischer Widrigkeit zum Trotz.

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