Am 7. April 1902 wurde in der Ostvorstadt die IX. Bürgerschule geweiht

von Roland Schmidt

 

Ob vom Bärenstein oder von vielen anderen Punkten der Stadt aus betrachtet - das Gebäude der Kemmlerschule ist nicht zu übersehen. Hoch ragt es über die Wohnhäuser hinaus und gibt der Ostvorstadt einen architektonischen Glanzpunkt. Und das seit 100 Jahren, denn am 7. April 1902 vollzog der Plauener Bezirksschulinspektor Dr. Friedrich Wilhelm Putzger in Anwesenheit von Oberbürgermeister Dr. Schröder, Superintendent Lieschke und weiteren Honoratioren der Stadt die feierliche Weihe des Hauses zur IX. Bürgerschule. Nach dem Eingangschoral "Wir haben dieses Haus erbaut" folgten Worte des Dankes an die Stadtverwaltung, und den Baumeistern wurde für die Architektur des Gebäudes hohe Anerkennung gezollt. Und die konnte sich wirklich sehen lassen! Die Baumeister Auerbach und Kühnel hatten ein vierstöckiges Schulhaus entworfen, das allen damaligen Anforderungen an einen Schulbau entsprach. Das Gebäude gliederte sich in einen Mittelteil mit Giebel in Richtung Südost und einen Flügel, der sich in nordöstlicher Richtung anschloß. Die südwestliche Flanke blieb unausgeführt, sie sollte zu gegebener Zeit angebaut werden und dem Gebäude seine harmonische Vollendung geben. Das ist leider nicht geschehen, so dass das Schulhaus auch nach 100 Jahren noch unvollkommen erscheint. Dennoch glänzte die äußere Fassade, die in Putz und Rohbau und sparsamer Verwendung von Sandstein und grünglasierten Ziegeln ausgeführt wurde. Das Innere stand dem nicht nach. Eine breite Treppe und helle Korridore schufen eine freundliche Atmosphäre und die lichterfüllten Unterrichtsräume luden förmlich zum Lernen ein. 21 Normal- und 4 Kombinationsklassenzimmer, dazu Direktions- und Lehrerzimmer, Lehrmittelräume und ein Schülerbrausebad beherbergte das neue Schulhaus, von dem Oberbürgermeister Dr. Schröder zu Recht sagte, dass es "nach dem Maße unserer Einsicht und Kräfte die besteingerichtete Bildungsstätte" ist. Diese Überzeugung des Stadtoberhauptes, die zweifellos gerechtfertigt war, wurde auch nach außen getragen: Auf der Deutschen Städteausstellung 1903 in Dresden gehörte das Modell der IX. Bürgerschule zu den Exponaten der Stadt Plauen. Doch die Anfänge der Kemmlerschule sind damit noch nicht hinreichend erklärt. Ihre Gründung kurz nach Beginn des vorigen Jahrhunderts verdankt sie dem damals rasanten Wachstum der Stadt. Die florierende Spitzen- und Gardinenindustrie zog viele Menschen in die Vogtlandmetropole, und die rasch steigende Einwohnerzahl führte zur Ausdehnung der Stadt in alle Himmelsrichtungen. 1887 gab es die ersten Bebauungspläne für die untere Ostvorstadt, und zehn Jahre später wurde das Gebiet zwischen der Knieloh- und Alten Oelsnitzer Straße erschlossen. Dazu gehörte auch der Schulbau in der (späteren) Fiedlerstraße 3. Im Mai 1900 begannen die Bauarbeiten und knapp zwei Jahre später war das "schöne, stattliche und infolge seiner hohen Lage weithin sichtbare Gebäude" - so schrieb damals der "Vogtländische Anzeiger" -- für rund 400 000 Mark Baukosten fertiggestellt. Mit der Schulweihe 1902 verbesserten sich für etwa 1200 Kinder die Schulverhältnisse erheblich. Die bisher teilweise recht weiten Wege von der Ostvorstadt in die III. Bürgerschule am Anger oder in die VI. Bürgerschule in der Reißiger Straße fielen weg. Doch der Einzugsbereich der neuen Schule war vorerst auch noch sehr groß, denn er erstreckte sich bis zur Südvorstadt und zur Gemeinde Reinsdorf mit dem dazugehörenden Rittergut. Erst 1906, mit der Einweihung der XII. Bürgerschule (Herbartschule), wurde der Schulbezirk der IX. Bürgerschule auf gängige Entfernungen eingegrenzt. Doch die Schule fungierte von Anfang als eine typische Einrichtung in einem noch wachsenden Stadtteil. Das zeigte sich - wie oben erwähnt - am noch geplanten südwestlichen Flügel, aber auch an der Tatsache, dass eine der beiden Turnhallen der Schule als Gotteshaus eingerichtet wurde. Es trat an die Stelle des bis dahin genutzten Betsaales in der Lettestraße 8. Der neue Kirchensaal wurde für 400 Besucher ausgerüstet und am 14. 9. 1902 von Superintendent Lieschke geweiht. Er sollte nur ein Provisorium sein, denn für die Ostvorstadt war ein eigenständiger Kirchenbau - die Christuskirche - vorgesehen. Er wurde aber immer wieder verschoben und nach 1930 endgültig aufgegeben. Mit der Weihe des Schulhauses 1902 wurde der Direktor der Schule, Ernst Brückner, in sein Amt eingeführt, gleichzeitig wurden die Lehrer zu gewissenhafter Arbeit verpflichtet. Am 8. April 1902 begann für 1274 Kinder in 24 Klassen der schulische Alltag. Da die Wohngebiete in der Ost- und Südvorstadt weiter rasch wuchsen, zählte die Schule schon zwei Jahre später 1714 Jungen und Mädchen in 36 Klassen. Nach der Eröffnung der XII. Bürgerschule in der Südvorstadt pegelte sich die Schülerzahl bei etwa 1500 ein. Als 1920 die Plauener Schulen Namen erhielten, wurde die IX. Bürgerschule nach dem nahegelegenen Kemmler benannt. Als "Kemmlerschule" sorgte sie im November 1932 - auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise - gemeinsam mit der Herbartschule deutschlandweit für Schlagzeilen. Kommunistische Eltern hatten einen Schulstreik organisiert. Anlaß dafür gaben zwei Lehrer der Kemmlerschule, die auf recht brutale Art die Prügelstrafe praktiziert hatten, sowie eine Verfügung der Stadtverwaltung, die städtischen Turnhallen, Sportplätze und Bäder für die Arbeitersportvereine und deren Kinder- und Jugendabteilungen zu sperren. Eine dreiwöchige Auseinandersetzung zwischen KPD-Funktionären und Stadtverwaltung hatte den Konflikt nicht lösen können, und so kam es vom 26. bis 29. November 1932 zum Schulstreik, in dem noch weitere Forderungen erhoben wurden (Verringerung der Klassenstärken, volle Lernmittelfreiheit und Schulspeisung für alle Kinder). Die Beteiligung der Kinder blieb allerdings hinter den Erwartungen der Organisatoren zurück. Während an der Herbartschule etwa die Hälfte der Schüler dem Unterricht fernblieb, war es an der Kemmlerschule nur etwas mehr als ein Zehntel der Schülerschaft. Nach drei Tagen wurde die Aktion ergebnislos abgebrochen. Die Stadtverwaltung hatte keine der Forderungen erfüllt, und so blieben die durchaus berechtigten Sorgen vieler Eltern um das Wohl und Wehe ihrer Kinder weiter auf der Tagesordnung. Als die Stadt Plauen 1944/45 in Schutt und Asche sank, kam die Kemmlerschule glimpflich davon. Sie wurde nur leicht beschädigt und konnte im Oktober 1945 nicht nur wieder als Bildungsstätte für die Kinder der Ostvorstadt dienen, sondern auch anderen Schulen vorübergehend Gastrecht gewähren. Das galt für die Herbartschule, die für einige Wochen in der Kemmlerschule Unterschlupf fand, bevor das eigene Gebäude wieder für Schulzwecke genutzt werden konnte. Das betraf aber noch viel mehr die Kinder aus den Wohngebieten entlang der Elster, deren Angerschule eine Ruine war. Nachdem sich zu Beginn der fünfziger Jahre in Plauen die Schulverhältnisse wieder stabilisiert hatten, entwickelte sich die Kemmlerschule 1953/54 zu einer der ersten Zehnklassenschulen der Stadt, und vier Jahre später zählte sie allein in den Klassenstufen 5 bis 10 620 Schüler. Seit der Neugestaltung des sächsischen Schulwesens nach der politischen Wende 1989/90 nimmt die Kemmlerschule als Mittelschule mit einem sprachlichen und einem hauswirtschaftlichen Profil einen geachteten Platz im Plauener Schulwesen ein, und so soll es auch in Zukunft sein.

Tags: Kemmlerschule, Vogtländische Anzeiger

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