Aus der Plauener Lokalschulordnung von 1907

von Roland Schmidt

 

Schulgeld für die allgemeinbildenden Schulen kennen wir heute nur noch aus den Geschichtsbüchern. Jahrhunderte lang war es jedoch eine wichtige Begleiterscheinung der Bildung und Erziehung der jungen Generation. Woche für Woche kassierten die Lehrer von ihren Schülern einen bestimmten Betrag, und erst 1769 verpflichtete der sächsische Kurfürst die Städte und Gemeinden, für diese Tätigkeiten spezielle „Schulgeldeinnehmer“ anzustellen. Doch ob die Münzen direkt in die Hände des Lehrers flossen oder ob der Schulgeldeinnehmer allwöchentlich an den Türen der Elternhäuser klingelte, um den Obolus einzutreiben – für die Eltern, vor allem aus den einfachen Schichten des Volkes, bedeutete das Schulgeld eine finanzielle Belastung, und seine Begleichung bereitete ihnen oft genug Sorgen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrten sich deshalb die Stimmen, wenigstens an den Volksschulen das Schulgeld abzuschaffen. 1871/72 fand diese Forderung sogar eine Mehrheit in der II. Kammer des sächsischen Landtages, als der Entwurf des neuen Volksschulgesetzes diskutiert wurde, das 1873 beschlossen wurde. Doch die Regierung schloss sich diesen Gedanken nicht an, sondern verteidigte mit fadenscheinigen Argumenten die jahrhundertealte Praxis: Angeblich würde das Interesse der Eltern an der Arbeit der Volksschule schwinden, wenn sie nicht regelmäßig zur Zahlung des Schulgeldes verpflichtet wären, denn schließlich würde nur das geschätzt und geachtet werden, wofür bezahlt werden müsse. Das „Gesetz, das Volksschulwesen betreffend“ vom 26. April 1873 hielt deshalb eisern an der Schulgeldpflicht für alle fest. Den Kommunen wurde zwar zugestanden, die Beiträge so niedrig wie möglich festzusetzen, ein prinzipieller Wegfall des Schulgeldes für die ärmeren Schichten des Volkes wurde jedoch untersagt. Als zwanzig Jahre später das Anliegen erneut im sächsischen Landtag diskutiert wurde, setzten sich die konservativen Kräfte mit den gleichen Argumenten durch, und so blieb – im Unterschied zu Preußen – die sächsische Volksschule bis 1918 schulgeldpflichtig. Es war den Kommunen vorbehalten, die zu zahlenden Beiträge festzulegen und auch Bestimmungen zu treffen, was mit säumigen Eltern bzw. deren Kindern geschehen soll. Das wurde in Lokalschulordnungen niedergeschrieben, die außerdem die Zuständigkeit der kommunalen Organe für das Schulwesen, die Anstellung der Lehrer und ihre Bezahlung sowie das Prüfungswesen der Schüler regelten. Sie wurden in regelmäßigen Abständen auf den neuesten Stand gebracht und bedurften der Genehmigung des Bezirksschulinspektors. Für die Stadt Plauen trat am 1. Juli 1907 eine neue „Schulordnung für die evangelischen Volkschulen“ in Kraft, die die alte Ordnung aus dem Jahre 1904 ablöste. Dem „Gesetz, das Volksschulwesen betreffend“ vom 26. April 1873 folgend, gliederte die Lokalschulordnung die bestehenden Volksschulen der Stadt in drei Gruppen mit unterschiedlichem Leistungsniveau und folgerichtig auch unterschiedlichen Schulgeldsätzen auf. Die leistungsfähigste Volksschule war die „Höhere Bürgerschule“. Sie war trotz ihres Namens eine Volksschule und darf nicht mit einer höheren Schule wie etwa dem Gymnasium verwechselt werden. Sie war zunächst im Schulhaus an der Syrastraße und ab 1889 im Neubau an der Karl-/Ecke Bärenstraße untergebracht. Sie umfasste acht aufsteigende Klassen, und für die Mädchen gab es auch die Möglichkeit, ein 9. und 10. Schuljahr zu absolvieren. Die Klassen durften nicht mehr als 40 Schüler zählen, und neben den üblichen Volksschulfächern stand in der „Höheren Bürgerschule“ auch Französisch und Englisch im Lehrplan. Für dieses Bildungsangebot waren in den unteren Klassen jährlich 40, in den oberen dagegen 60 Mark zu zahlen. Das mag aus heutiger Sicht gering erscheinen, doch für viele Eltern, vor allem aus der Arbeiterschaft, waren diese Summen gar nicht oder nur mit großen Opfern zu erschwingen. Der Tageslohn eines qualifizierten Arbeiters lag damals zwischen zwei und drei Mark, ungelernte Arbeiter verdienten etwa 1,75 Mark pro Tag. Die zweite Gruppe bildeten die „mittleren Volksschulen“, von denen Plauen 1907 drei besaß. Das waren – des besseren Verständnisses wegen seien hier die erst seit 1920 gebräuchlichen Namen gestattet – die Luther-, Lessing-, und Angerschule. Heute ist die ehemalige Lutherschule das Domizil der „Vogtland-Bibliothek“, die Lessingschule an der heutigen August-Bebel-Straße und die Angerschule am Stadtbad wurden 1945 durch Bomben zerstört. Als mittlere Volkschule zählte auch die Übungsschule am Königlichen Lehrerseminar am Dittrichplatz (Gebäude der heutigen Polizeidirektion). Die mittleren Volksschulen verfügten über acht aufsteigende Klassen. Die Plauener Lokalschulordnung von 1907 sah pro Klasse maximal 48 Schüler vor, womit die 1873 gesetzlich fixierte Höchstgrenze um zwei unterboten wurde. Unterrichtet wurden Religion, Deutsch, Rechnen, Geschichte, Erdkunde, Naturgeschichte/Naturlehre, Gesang, Zeichnen, Turnen und – soweit dafür eine Lehrerin zur Verfügung stand – Nadelarbeit. In den beiden Anfangsklassen belief sich das Schulgeld auf wöchentlich 40, im 3. und 4. Schuljahr auf 45 und in den vier oberen Klassen auf 50 Pfennige. Schließlich gab es „einfache Volksschulen“, die dieselben Fächer anboten, jedoch materiell schlechter ausgerüstet waren und in Plauen bis zu 55 Kinder pro Klasse zählen konnten, während das Gesetz gar 60 Schüler gestattete. In diese Kategorie gehörten die Krauseschule in der Straßberger Straße, die Schillerschule nahe der Pauluskirche und die Heubnerschule in der Reißiger Straße (alle drei wurden im Krieg zerstört), die Seume-, Kemmler-, Dittes-, Herbart- und Mosenschule sowie die Chrieschwitzer und Reusaer Schule. Für das relativ bescheidene Bildungsangebot dieser einfachen Volksschulen erhob die Stadt Plauen in den unteren vier Klassen wöchentlich 10 und in den oberen vier 15 Pfennige Schulgeld. Die Art und Weise der Begleichung des Schulgeldes war unterschiedlich geregelt. Der Besuch der höheren Bürgerschule war vierteljährlich im voraus zu zahlen, während für die mittleren und einfachen Volksschulen der Schulgeldeinnehmer wöchentlich einmal seines Amtes waltete. Wer nicht pünktlich zahlen konnte, musste mit Mahnungen und Zwangsvollstreckungsmaßnahmen rechnen. Blieben diese ohne Wirkung, konnte das Kind in den jeweils niedrigeren Typ der Volksschule verwiesen werden. Die Lokalschulordnung von 1907 wies auch die Möglichkeiten für einen völligen oder teilweisen Schulgelderlass aus. So mussten Eltern mit weniger als 5000 M Jahrseinkommen nur für drei gleichzeitig die Schule besuchende Kinder zahlen. Angesichts der oft hohen Kinderzahl bedeutete das für viele Familien eine Erleichterung. An der höheren Bürgerschule und an den mittleren Volksschulen gab es auch einige Freistellen. Ihre Zahl war aber gering, da ihr finanzieller Rahmen fünf Prozent der Gesamtsumme des an der Einrichtung erhobenen Schulgeldes nicht überschreiten durfte. Waren Schüler länger als 12 Wochen hintereinander krank, entfiel für diese Zeit das Schulgeld. Besuchten katholische Kinder evangelische Volksschulen, obwohl es in Plauen in der heutigen Thomas-Mann-Straße und am Höcknerplatz in der Südvorstadt zwei katholische Volksschulen gab, bezahlten sie ein geringfügig gesenktes Schulgeld, weil sie nicht am lutherischen Religionsunterricht teilnahmen. Trotz dieser Erleichterungen blieb das Schulgeld für die meisten Eltern aus den einfachen Schichten des Volkes eine soziale Belastung. Darüber hinaus wirkte es für die Kinder als eine vom Status der Eltern abhängige Zugangsberechtigung für eine bestimmte Niveaustufe der Volksschulbildung. Erst das sächsische „Übergangsgesetz für das Volksschulwesen“ vom 22. Juli 1919 führte den unentgeltlichen Unterricht in der nunmehr einheitlichen Volksschule ein. Damit war auch an den Plauener Volksschulen das Schulgeld Geschichte geworden.

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