Bobenneukirchner Schullehrer-Verein wurde 1835 gegründet

von Roland Schmidt

 

Sie erregte damals bestimmt kein großes Aufsehen, dennoch war sie eine auf die Zukunft gerichtete Tat: Am 3. August 1835 trafen sich in Bobenneukirchen acht Lehrer unter Leitung von Diakonus Schanz und gründeten den Bobenneukirchner Schullehrer-Verein. In einem Statut legten sie das Ziel des Vereins genau fest, nämlich „sich gegenseitig durch freien Austausch der Gedanken, Ansichten und Erfahrungen, Besorgnisse und Zweifel zu weiterer Fortbildung in Allem, was dem Volksschullehrer, namentlich in jetziger Zeit, nöthig ist, behilflich zu sein; sich einander zu einer treuen und freundlichen Amtsführung zu ermuntern und zugleich das Band brüderlicher Liebe auf diese Weise enger zu knüpfen." Aller zwei Wochen wollten sich die Lehrer an einem Nachmittag für jeweils drei Stunden in Bobenneukirchen treffen, den Gedankenaustausch pflegen und sich theoretisch und praktisch fortbilden. Die Mitglieder vereinbarten, regelmäßig Themen aus Religion und Wissenschaft zu besprechen, wofür reihum jeweils ein anderer Kollege die Diskussionsgrundlage geben sollte. Gleichermaßen sollten „schwierige Stellen der heiligen Schrift oder der in den Schulen der Mitglieder eingeführten Religionsbücher" gemeinsam besprochen und nach Möglichkeit in praktischen Übungen mit Kindern durchgearbeitet werden. Auch im Orgelspiel und Gesang sollte der Erfahrungsaustausch gepflegt werden, und schließlich vereinbarten die Lehrer aus Bobenneukirchen und Umgebung, der Reihe nach Aufsätze zu pädagogischen und anderen wissenschaftlichen Fragen auszuarbeiten. Dafür setzten sie sich eine Frist von jeweils acht Wochen und bestellten ein anderes Mitglied als Zensor, der darauf zu achten hatte, „ob die Aufgabe richtig gefaßt, deutlich entwickelt, gut stylisiert und sprachlich richtig sey." Das endgültige Urteil wurde dann in der Konferenz von allen Mitgliedern getroffen. Das Unterfangen der Bobenneukitchner Lehrer war jedoch kein Einzelfall. So hatte sich zur gleichen Zeit in Schöneck ein Lehrerverein gegründet, der 1836 bereits 21 Mitglieder zählte. Der Verein stand unter der Leitung von Pfarrer Sauer aus Werda und hatte ein ähnliches Statut wie sein Bobenneukirchner Partner. Im südlichen Zipfel des Vogtlandes schlossen sich die Lehrer zu einem „Wanderverein" zusammen. Sie trafen sich in Landwüst, Elster, Brambach oder Schönberg in der Wohnung ihres Kollegen, diskutierten pädagogische und methodische Fragen und hospitierten den Unterricht des betreffenden Ortsmitgliedes. Die Schönecker Lehrer organisierten noch unter ihren Mitgliedern den Austausch von Büchern und Zeitschriften. Auf diese Weise wurde die regelmäßige Lektüre pädagogischer und anderer Literatur gesichert, ohne dass die anfallenden Kosten das schmale Finanzbudget der Lehrer allzusehr belasteten. Bei aller Eigeninitiative, die eine Vereinsgründung immer erfordert, war das Entstehen vieler Lehrervereine im Vogtland – wie auch in anderen Gebieten Sachsens – Mitte der dreißiger Jahre kein Zufall. Am 6. Juni 1835 war im Königreich Sachsen ein Volksschulgesetz in Kraft getreten, das nicht nur die achtjährige Schulpflicht einführte, sondern auch auf eine Erhöhung des Unterrichtsniveaus zielte. Dieser Absicht stand jedoch die teilweise recht mangelhafte Ausbildung der meisten Volksschullehrer entgegen, so dass auch seitens der königlichen Regierung dringender Handlungsbedarf bestand, die Qualifikation der Volksschullehrer schrittweise zu heben. Bereits am 9. Juni 1835, also nur drei Tage nach dein Erlass des Gesetzes, wurden deshalb in einer Verordnung die Superintendenten als die für die Volksschule zuständigen Aufsichtsbehörden aufgefordert, in ihren Ephorien (Amtsbezirken) Schullehrer Konferenzen oder ähnliche Formen ins Leben zu rufen, die der Fortbildung der Lehrer dienen sollten. Es verwundert deshalb nicht, wenn die Bobenneukirchner Lehrer gleich im Paragraphen 1 ihres Statutes festschrieben, den Verein unter die Aufsicht des Ephorus (Superintendenten) zu stellen, ihn zu allen Beratungen einzuladen sowie ihm jederzeit Einsicht in die Sitzungsprotokolle zu gewähren. Neben den auf die Ephorien begrenzten Lehrervereine wurde im Frühjahr 1838 von Kantor Johann Friedrich Fincke und Lehrer Johann Gottlieb Günnel aus Plauen sowie vom Adorfer Rektor Eduard Schilbach der „Voigtländische Volksschullehrer-Verein" gegründet. Dreimal im Jahr führte er die Lehrer des gesamten Vogtlandes zusammen, in der Osterwoche zu Diskussionen über neue pädagogische Literatur, in den Hundtagsferien (Ende Juli) zum Gesangsfest und während der Kartoffelernte zu wissenschaftlichen Vorträgen und Unterhaltung. Der Nutzen der Vereine für die Volksschulen war auf zweifache Weise spürbar. Zum einen trug die Lehrerfortbildung Schritt für Schritt zu einer Erhöhung des Unterrichtsniveaus bei, wenn dieses auch weiterhin insgesamt auf ein bescheidenes Maß beschränkt blieb. Zum anderen förderten die Vereinsveranstaltungen das Zusammengehörigkeitsgefühl und Selbstbewusstsein der Volksschullehrer, eine Tatsache, die sich auf lange Sicht segensreich auswirkte.

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