Der Auerbacher Wilhelm Heinrich Ackermann

von Roland Schmidt

 

Pestalozzis Ruhm strahlte zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf ganz Europa aus. Überall begeisterten sich junge Lehrer für die Ideen des großen Pädagogen, und nicht wenige zog es in die Schweiz, um mit Pestalozzi zu arbeiten und so von ihm zu lernen. Zu ihnen gehörte auch ein junger Vogtländer, Wilhelm Heinrich Ackermann, der am 25. Juni 1789 in Auerbach geboren wurde und dort auch seine Kindheit verbracht hatte. Ackermanns Vater war von 1787 bis 1825 Pfarrer in Auerbach und übte in dieser Funktion auch die Aufsicht über das Schulwesen aus. Er wusste um die bescheidenen Bildungsmöglichkeiten der Auerbacher Stadtschule und unterrichtete daher seinen Sohn selbst, bevor dieser das Gothaer Gymnasium und später die Universität Leipzig besuchte, um Theologie zu studieren. In beiden Städten verdiente sich Ackermann mit Privatstunden seinen Lebensunterhalt, zugleich wurde er über diesen Weg mit den Gedanken Pestalozzis vertraut. Sein hartnäckiger Wunsch, den bekannten Schweizer Pädagogen persönlich kennenzulernen, brachte ihm 1811 eine Einladung nach Ifferten. Wilhelm Heinrich Ackermann arbeitete ein anderthalbes Jahr, vom Herbst 1811 bis zum Frühling 1813, bei Pestalozzi. War zu dieser Zeit Pestalozzis schöpferischste Phase auch schon vorüber – die Aufopferung und Begeisterung, mit denen er täglich seinen pädagogischen Auftrag erfüllte, sprangen noch immer wie Funken auf seine jugendlichen Mitstreiter über. Ackermann war niclit nur vom Umgang mit dem verehrten Meister angetan, er fand auch unter den anderen Pestalozzi-Jüngern gute Freunde. Die meisten von ihnen – wie Blochmann, Fröbel, Harnisch oder Schacht – spielten später im deutschen Schulwesen eine wichtige Rolle, und mit einigen von ihnen blieb Ackermann ein Leben lang in engerem Kontakt. Ackermann hatte in Ifferten vielfältige Aufgaben zu erfüllen, besonders nahm er sich aber des Turnens an. Darüber hinaus studierte er in Theorie und Praxis Pestalozzis Unterrichts- und Erziehungsmethoden. Die immer stärker um sich greifende Bewegung, sich vom Napoleonischen Joch zu befreien, erfasste im Frühjahr 1813 auch Ackermann. Er verließ Pestalozzi und schloss sich im April 1813 dem Lützowschen Freikorps an. Mit der „wilden verwegenen Jagd" durchquerte er ganz Deutschland, wobei ihn eine feste Freundschaft mit Theodor Körner verband. In Ackermanns Armen soll der Freiheitsdichter nach seiner schweren Verwundung am 26. August 1813 bei Gadebusch gestorben sein. Diese Episode ist später vielfach nationalistisch überhöht dargestellt worden. Ackermanns Kampf gegen Napoleon bis nach Frankreich hinein ist jedoch belegt. Im Herbst 1814 weilte Ackermann in London. Er war dort um Hilfssendungen für das kriegszerstörte Deutschland bemüht, gleichzeitig beschäftigte er sich wieder – diesmal freilich auf indirektem Wege – mit der Pädagogik Pestalozzis. In London wirkten damals zwei Pädagogen, Andrew Bell und Joseph Lancaster, die sich ähnlich wie Pestalozzi der Bildung und Erziehung armer Kinder angenommen hatten. Unabhängig voneinander hatten sie ein System entwickelt, mit dem gleichzeitig bis zu 1000 Kinder unterrichtet werden konnten, indem befähigte Schüler als Gehilfen des Lehrers fungierten. Ackermann erkannte bald die Vorzüge und Schwächen des Unterrichtssystems beider Männer, und er hielt ihnen schließlich die Auffassungen Pestalozzis entgegen. Der entscheidende Streitpunkt war das mechanische Vorgehen der beiden Engländer, während Pestalozzi auf „Weckung und Emporbildung der Kräfte" setzte. Im Prozess dieser Auseinandersetzung propagierte Ackermann Pestalozzis Werk in England, Bell konnte er sogar zu einem Besuch bei Pestalozzi bewegen. In den Jahren 1815 bis 1817 weilte Ackermann ein zweites Mal für längere Zeit bei Pestalozzi. Er wollte von ihm soviel als möglich lernen, obwohl er seinen Methoden durchaus nicht kritiklos gegenüberstand. Seine Hoffnungen erfüllten sich aber nur zum Teil, denn er mußte miterleben, wie sich Pestalozzis Mitarbeiter in zwei Lager zerstritten und somit die Einrichtung in Ifferten bedeutungslos werden ließen. So erleichtert Ackermann das einstige „pädagogische Mekka" im September 1817 verließ – der Abschied von seinem väterlichen Freund fiel ihm schwer. Sein 1826 brieflich geäußerter Wunsch, Pestalozzi noch einmal persönlich danken zu können, erfüllte sich allerdings nicht. Eine Wanderung Ackermanns durch die Schweiz führte ihn 1828 nur an Pestalozzis Grab. Wilhelm Heinrich Ackermann hatte sich inzwischen in Frankfurt am Main niedergelassen, war Lehrer an der Musterschule geworden. Der Name rührt aus der Vorbildrolle, die diese Schule für das Frankfurter Volksschulwesen spielte. Ackermann wirkte an dieser Schule bis zu seinem Tode am 27. März 1848 im pestalozzischen Geist, und er hinterließ mit seiner Arbeit tiefe Furchen. Zu Recht hieß es deshalb in der Festschrift zur Hundertjahrfeier der Frankfurter Musterschule (1902) über ihn: „Einfach und praktisch denken und handeln, beim Lehren stets anregen und, wenn es nötig schien, die Anregung zur Begeisterung steigern, das war seine Devise." Seine Heimat hat er dabei nicht vergessen. 1828 sammelte er bei begüterten Frankfurter Familien Geld für hungernde Weber in Elsterberg, 1834 trug er binnen kurzer Zeit eine ansehnliche Summe für die Opfer des Auerbacher Stadtbrandes zusammen. Die Stadt Auerbach ehrte ihren Sohn auf vielfache Weise, die „Ackermannstraße" in der Nähe des ehemaligen Lehrerseminars ist dafür nur ein Beispiel.

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