Der Dorfschulmeister als Chauseegeldkassierer

von Roland Schmidt

 

Dorfschulmeister hatten im 18. und 19. Jahrhundert ein zu geringes Einkommen, so daß sie ihren Lebensunterhalt nur mit zahlreichen Nebentätigkeiten fristen konnten. Sie waren oft erniedrigend und dem Ansehen des Lehrers im Dorf keineswegs förderlich, und nicht selten rückten sie auch die eigentliche Profession des Lehrers, seinen täglichen Unterricht, inden Hintergrund. Der Oberlosaer Dorfschullehrer Johann Peter Köhler hatte in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen ganz besonderen Nebenverdienst. Köhler hatte sein Amt in dem nahe Plauen gelegenen Dorf 1802 angetreten. Er unterichtete zunächst in der alten Schule, die noch aus dem Jahre 1668 stammte und längst aus allen Nähten platzte. Als die Gemeinde des Kirchsprengels Oberlosa, zu dem auch die Dörfer Stöckigt, Brand und Unterlosa gehörten, 1821 an gleicher Stelle ein größeres Schulhaus errichtete, verbesserten sich zwar Köhlers Arbeitsbedingungen, seine soziale Lage jedoch nicht. Köhler bewarb sich deshalb nebenamtlich um die Stelle als Kassierer der Geleits- und Chausseegelder, und er erhielt am 14. Januar 1824 dafür auch die schriftliche Genehmigung des Konsistoriums zu Leipzig, "so lange sich nicht eine Inkonvenienz (Unstimmigkeit) hierunter hervortut." Köhler nahm seine "Nebentätigkeit" auf. Er kassierte von allen Fuhrwerken, die aus Plauen kamen oder dorthin wollten, aber auch von Reitern und von kleinen Händlern, die mit Schubkarren durchs Land zogen, Gebühren. Dafür stellte er eine Quittung mit Stempel aus, und natürlich mußte er das eingenommene Geld auch sorgfältig verwahren. Alle diese Amtshandlungen verrichtete Köhler in seiner Wohnung, und in aller Regelmäßigkeit auch während der Unterrichtszeit, so daß die etwa 80 Kinder im benachbarten Schulzimmer auf ihren Lehrer warten mußten. Es war folgerichtig, daß sich an diesem Tatbestand ein heftiger Streit entzündete. Er ging aber nicht von den einfachen Bauern des Ortes aus, die dem mit eigenen Kindern reich gesegneten Köhler "diesen Bissen Brod gerne gönnten", vielmehr waren es die Erb-, Lehn- und Gerichtsherren des Kirchspiels, die sich darüber empörten, wobei sich der Unterlosaer Gerichtsherr Johann Georg Geigenmüller besonders hervortat. Mit hochtrabenden Worten machte er seiner Empörung freien Lauf: Dafür hätten sie nie und nimmer die neue Schule errichten lassen, und sie könnten nicht ihre Kinder bei Chausseegeld-Einnehmern in die Schule schicken, denn schließlich habe auch Jesus die Zöllner aus den Tempeln, worinnen damals die Jugend gelehrt wurde, vertrieben mit der Begründung "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Damit war der Zankapfel gelegt, der die Gemüter fast drei Jahre lang bewegte.Waren die zuständigen Stellen anfangs bemüht, eine gütliche Beilegung des Streites zu erreichen, so erwies sich das bald als unmöglich. Wiederholt wurde vorgeschlagen, die Chausseesteuer in einem von der Schule abgesonderten Lokal vorzunehmen, ein anderer Versuch zielte darauf, die Funktion des Steuerkassierers nur auf die Person Köhlers, nicht jedoch auf seine Nachfolger, zu beschränken. Alle Bemühungen brachten kein Ergebnis, und auch das Wort das Königs konnte die Auseinandersetzungen nicht beenden. Ihr weiteres Andauern war für beide Seiten eine Belastung, so daß sich das Konsistorium in Leipzig Anfang Januar 1825 erneut genötigt sah, in den Streit einzugreifen. Es entzog Köhler die Berechtigung zur Steuereinnahme, doch dessen ungeachtet führte der Oberlosaer Dorfschulmeister sein "Nebengewerbe" wie bisher fort. Das rief Köhlers Gegner erneut auf den Plan, indem sie im Verlaufe von 10 Monaten drei große Klageschriften verfaßten, im Juli 1825 und im Januar 1826 an den Plauener Superintendenten Dr. Fiedler und schließlich im April 1826 an das Konsistorium in Leipzig. Die verantwortlichen Stellen bedrängten Köhler, die Steuereinnahme aufzugeben, und dieser kam dieser Aufforderung auch nach - und dennoch mußte er sein Nebenamt vorerst weiter ausführen, da die Straßenbauinspektion in Plauen noch keinen Ersatzmann gefunden hatte. So trieb Johann Peter Köhler noch bis Ende Oktober 1826 neben seinem Unterricht die Chausseegelder in Oberlosa ein. Danach hatte er keinen Verdienstausfall zu befürchten, denn in allen Auseinandersetzungen um sein "Nebenamt" wurde ihm die Erhöhung des Schulgeldes angeboten, die dann auch gewährt wurde.

Tags: Chauseegeldkassierer

Home » Volksschulbildung » Der Dorfschulmeister als Chauseegeldkassierer