Der Plauener Pädagoge Johann Gottlieb Günnel

17.01.2003von Roland Schmidt

 

Unter den Lehrern, die im 19. Jahrhundert im Plauener Schulwesen tätig waren, nahm Johann Gottlieb Günnel einen besonderen Platz ein. Das betraf zum einen seine treue und pflichtbewußte Tätigkeit in der Schule, zum anderen aber seine vielfältigen anderen Aktivitäten, die gleichsam auf die Bildung des Volkes gerichtet waren. Er schrieb neben seiner Unterrichtstätigkeit Bücher, die ihn weit über das Vogtland hinaus bekannt werden ließen. Johann Gottlieb Günnel stammte aus Schönau bei Falkenstein, wo er am 4. August 1806 als Sohn eines Dorfschulmeisters geboren wurde. Er besuchte das Plauener Lyceum, studierte in Leipzig Theologie und schlug sich anschließend mehrere Jahre als Privatlehrer für alte Sprachen in Plauen durchs Leben. 1834 bewarb er sich mit Erfolg um die freigewordene Stelle als Baccalaureus (zweiter Lehrer) an der Plauener Bürgerschule. In dieser Position, die erst mit 400 und später mit 600 Talern Jahresgehalt keineswegs üppig dotiert war, blieb er 36 Jahre lang bis zu seinem Tod. Er konnte fesselnd unterrichten, und er fand daher an seinem Lehramt große Freude und menschliche Erfüllung, so dass er 1843 eine aussichtsreiche Bewerbung um die Pfarrstelle in Rodersdorf zurückzog. Doch Günnel unterrichtete nicht nur an der Plauener Bürgerschule, sondern auch an der Sonntags- und an der Baugewerkenschule der Stadt. Sein Unterricht war didaktisch durchdacht und zeichnete sich durch eine logische Abfolge der Erkenntnisschritte aus. Seine lebendigen Lehrererzählungen fesselten immer wieder seine Schüler. Das galt besonders für den Erdkunde- und Geschichtsunterricht, seine beiden Lieblingsfächer. In beiden Disziplinen besaß er nicht nur Bücherwissen, sondern umfangreiche eigene Anschauungen. Jahr für Jahr nutzte er die Sommerferien, um verschiedene deutsche Landschaften zu erwandern. Viele geographisch oder geschichtlich bedeutsame Stätten kannte er aus eigenem Erleben, das er geschickt an seine Schüler weitergab. Doch damit nicht genug: Günnel wollte mit seinen Kenntnissen auch weitere Kreise des Volkes erreichen, und seine schriftstellerische Begabung kam ihm dabei zugute. Er verfaßte volkstümlich gehaltene Reisebeschreibungen, die er im Zwickauer "Verein zur Verbreitung guter und wohlfeiler Volksschriften" für einen geringen Preis herausbrachte. Dieser Verein war 1840 von Gotthilf Ferdinand Döhler, dem Geheimen Kirchen- und Schulrat der Kreishauptmannschaft Zwickau, gegründet worden. Der Name des Vereins war sein Programm, und Günnels Schriften entsprachen völlig dieser Zielstellung. In seinen ersten Publikationen führte Günnel seine Leser in fremde Erdteile. So veröffentlichte er 1843 unter dem Titel "Ländlich, sittlich" Beschreibungen des Lebens auf den Lofoten, auf Island und in Grönland, bevor er die gedankliche Reise durch Nord- und Südamerika fortsetzte. Zwei Jahre später veröffentlichte Günnel eine zweiteilige Schrift zu je 100 Textseiten über das Morgenland. Der erste Teil widmete sich Ägypten, der zweite behandelte die Sinai-Halbinsel und die heiligen Stätten des Christentums in Palästina. Seine Darstellungen waren in einfacher, bildhafter Sprache verfaßt, und sie waren durchaus geeignet, Wissen über fremde Völker und ihre Lebensweise zu verbreiten. Das war keineswegs leicht, denn es stand ja nur die Erklärungsmöglichkeit durch das Wort zur Verfügung. Auf bildliche Unterstützung in Form von Kupferstichen mußte schon aus Kostengründen verzichtet werden. Wenn man bedenkt, dass Günnel die beschriebenen Länder selbst niemals gesehen, vielmehr seine Kenntnisse aus anderen Reisebeschreibungen zusammengetragen hatte, verdienen seine lebendigen Darstellungen hohes Lob. Dass er dabei auch manchem "Seemansgarn" aufgesessen ist, sollte nicht überbewertet werden. Vor allem die beiden Schriften über den Nahen Osten hatten Günnel eine zahlreiche Leserschaft beschert. Er war so bekannt geworden, dass er in den nachfolgenden Büchern seinen Familiennamen völlig wegließ und als Autor stets nur "Vom Verfasser des Morgenlandes" angab. Diese Schriften stellten sich das Ziel, das Leben seiner Landsleute, der Bauern in den Dörfern und der Bürger in den Städten, zu verbessern. 1847 publizierte er seine "Erfahrungen", die Ratschläge für viele Lebenslagen erteilten. In kleinen Geschichten bemühte er sich, den Nutzen von Sparkassen, Haushaltsplanung und Versicherungen zu erklären, und in höchst moralisierendem Ton belehrte er seine Leser über die Folgen falscher Erziehung der Jugend und über die Tatsache, dass Glück nicht an Reichtum gebunden ist. Noch einen Schritt weiter war Günnel ein Jahr zuvor gegangen, als er - ebenfalls nur mit "Vom Verfasser des Morgenlandes" zeichnend - eine Art Gesellschaftsutopie veröffentlichte. Unter dem Titel "Aus der Geschichte des Dorfes Deutschheim" beschrieb er die frühere schlechte Lebensweise der Bewohner dieses fiktiven vogtländischen Ortes, und er stellte ihr die spätere bessere Situation gegenüber. Den entscheidenden Ansatzpunkt für die erfolgten Veränderungen sah er in der Bildung der Bauern, in ihrer Vernunft und Einsicht, in ihrer Erkenntnis, bei allen Bürger den Gemeinsinn zu stärken und auf diesem Wege ein sozial gerechtes, wohlgeordnetes Leben im Dorf zu erreichen. Doch Günnels Rezept war sicher zu einfach gedacht, denn zum einen stellte er die Entwicklung des neuen Denkens gar zu glatt und widerspruchsfrei dar, zum anderen füllte er das Buch mit vielen In- formationen über den Staatsaufbau im königlichen Sachsen, den er letztlich als ideale Basis für eine gerechte Welt ansah. Günnels utopische Gedanken, so unvollkommen sie auch waren, fanden damals viele Leser, und sie wurden sogar 1850 in Wien nachgedruckt. Er selbst kehrte aber in seinen Schriften zu geographisch-historischen Betrachtungen zurück, indem er seine Wanderungen durch Franken (1848), Thüringen (1854) und Schleswig-Holstein (1865) beschrieb. Alle drei Titel sind auch aus heutiger Sicht noch lesenswert, sie laden förmlich zur Reise ein. Mit der letztgenannten Schrift reagierte Günnel auf ein damals sehr aktuelles Bildungsbedürfnis, denn nach dem Deutsch-Dänischen Krieg (1864) war das Interesse an dem Land zwischen Ost- und Nordsee besonders gewachsen. Seit 1854 übte Günnel neben seinen wöchentlich 32 Unterrichtsstunden eine weitere verantwortungsvolle Tätigkeit aus. Er war Schriftleiter des "Vogtländischen Anzeigers". In dieser Funktion schrieb er 16 Jahre lang - bis zu seinem Tod - die Leitartikel, wozu sein umfassendes Wissen, sein Gespür für die Sorgen des Volkes und sein journalistisches Geschick die notwendigen Voraussetzungen boten. Längere Zeit gehörte Günnel auch dem Führungstrio des "Vogtländischen Lehrervereins" an, und er war maßgeblich an der Organisation und inhaltlichen Gestaltung der dreimal jährlich veranstalteten Lehrertagungen beteiligt. So war Günnels Leben von rastloser Tätigkeit für die Schule und für seine Berufskollegen geprägt, zugleich aber auch von dem ständigen Bestreben, auch außerhalb der Schulstube Bildung zu verbreiten. Doch die Typhusepidemie, die 1870 das Vogtland heimsuchte und viele Opfer forderte, setzte auch seinem Schaffen ein jähes Ende. Johann Gottlieb Günnel starb am 31. März 1870 in Plauen, und sein Tod wurde nicht nur von vielen seiner Schüler- ob jüngeren oder älteren Jahrgangs - betrauert, sondern auch von vielen Lesern seiner Bücher in allen Teilen Deutschlands.

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