Der schwierige Anfang der Plauener Bürgerschule nach 1835

16.08.2002von Roland Schmidt

 

Der damals wöchentlich erscheinende "Voigtländische Anzeiger" veröffentlichte am 26. August 1837 auf seiner Titelseite Auszüge aus der Rede, die der damalige Superintendent Johann Friedrich Wilhelm Tischer am 17. 4. 1815 zur Eröffnung des "Voigtländischen Kreisschulhauses" am Schulberg gehalten hatte. Noch einmal las die Öffentlichkeit die Worte, mit denen der um das Plauener Schulwesen hochverdiente Geistliche die alten Schulräume im Kellergeschoß der Superintendentur charakterisiert hatte: "Die örtliche Beschaffenheit unserer (bisherigen) Schule ist doch gar zu schlecht, die Klassen sind gar zu gedrängt, der Unterricht ist gar zu mühsam, die Verwahrlosung junger Seelen gar zu arg, das Elend gar zu groß." Die Platzierung dieser Redeteile 22 Jahre später an hervorragender Stelle der führenden vogtländischen Zeitung geschah keinesfalls aus nostalgischen Gründen. Vielmehr sollten diese Worte mit aller Schärfe auf den schlechten Zustand aufmerksam machen, in dem sich Plauens Volksschulwesen 1837 befand. Wer auch immer diesen journalistischen Trick erdacht und umgesetzt hatte - die Zeitung blieb hier anonym - Tischers Worte aus vergangenen Zeiten trafen noch immer ins Schwarze. In der Tat schnitt das Plauener Schulwesen Mitte der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts im Vergleich mit anderen sächsischen Städten nicht gut ab. Gewiß konnte das Lyceum dank der aufopferungsvollen Arbeit der Rektoren und Lehrer auf einen beachtlichen Leistungsstand verweisen. Die Vorbereitung junger Männer auf ein Studium konnte sich sehen lassen, ebenso die Ausbildung von Volksschullehrern. Die Beschulung von etwa 1400 Jungen und Mädchen, die in verschiedenen Schulen Elementarunterricht erhielten, war gleichfalls anerkennenswert. Hinsichtlich der Struktur des bestehenden Schulsystems war Plauen jedoch hinter Zittau, Leipzig, Dresden und Freiberg zurückgeblieben. In den genannten Orten hatte sich schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts ein Differenzierungsprozeß zwischen der höheren und der Elementarbildung vollzogen. Er führte zu einer klaren Scheidung zwischen den "Gelehrtenschulen" - so wurden damals die höheren Schulen bezeichnet - und den Elementarschulen. Darüber hinaus waren in einigen dieser Städte auch eigenständige Lehrerseminare gegründet worden. Dagegen war das Plauener Schulwesen noch genauso strukturiert wie im Jahre 1800. Es gab eine lateinische Stadtschule (Lyceum), die drei verschiedene Aufgaben zu erfüllen hatte. Zum einen führte sie eine kleine Zahl von Knaben zur Hochschulreife, zum anderen vermittelte sie vielen Jungen und Mädchen das nötige Elementarwissen, und schließlich bildete sie auch befähigte Jugendliche zu Volksschullehrern aus. Zwar hatte das "Voigtländische Schullehrerseminarium" bereits seit 1810 eine relative Selbständigkeit erlangt, dennoch vereinte das Plauener Lyceum bis 1835 alle drei Institutionen unter der Leitung von Rektor Prof. Dr. Gottlob Dölling (1796 - 1850). Am 1. Mai 1835 wurde diese Dreieinigkeit endlich aufgelöst. Rektor Dölling übernahm das neu konzipierte Gymnasium, die einzige hochschulvorbereitende Bildungsstätte des Vogtlandes. Das Lehrerseminar leitete Johann Gottfried Wild (1802 - 1878) als Direktor, und als dritte Institution entstand die Bürgerschule, die für die Elementarbildung der Plauener Schüler zuständig wurde. So bedeutsam dieser längst überfällige Schritt war, eine eigenständige Bürgerschule zu gründen, so schlecht war es aber in den ersten Jahren um den Zustand dieser Schule bestellt. Die Kritik im "Voigtländischen Anzeiger" war somit mehr als berechtigt. Zum einen hatte die Bürgerschule kein eigenes Domizil, sondern sie verteilte sich auf mehrere Stellen in der Stadt. Als hätte es die organisatorische Trennung nicht gegeben, wurden nach 1835 drei Knaben- und zwei Mädchenklassen mit insgesamt etwa 740 Kindern weiter im Gebäude am Schulberg unterrichtet, in dem sich auch das Gymnasium befand. Die Kapazität dieses Schulhauses war weit überschritten, und das von Tischer 1815 bereits gegeißelte "Schulelend" besaß nach wie vor Aktualität. Doch damit nicht genug: Zur neu gegründeten Bürgerschule zählten auch die acht "Torschulen". Jeweils an den Stadttoren hatten sich schon seit dem 18. Jahrhundert bescheidene Bildungsstätten für die Kinder der ärmsten Bevölkerungsschichten entwickelt. Sie wurden von Hilfslehrern bzw. Seminaristen des Lehrerseminars geführt. 1836 zählten sie insgesamt etwa 540 Jun- gen und Mädchen. Auch in diesen Schulen waren die Lernbedingungen denkbar schlecht. Zum anderen hatten die Stadtväter aber auch der Zusammensetzung des Lehrkörpers zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das begann mit dem Leiter der Schule, Kantor Johann Friedrich Fincke (1778 - 1868). Diesem um das Plauener Musikleben hochverdienten Mann oblag nicht nur die Gesamtverantwortung für die Bürgerschule einschließlich der zeitaufwendigen Kontakte mit den Torschullehrern, sondern er unterrichtete auch täglich 70 - 80 Knaben der obersten Klasse. Darüber hinaus erteilte er den Musikunterricht am Gymnasium und am Lehrerseminar, und schließlich war er für die Kirchenmusik und über- haupt für das musikalische Leben der Stadt zuständig. Fincke tat gewiß sein Bestes, doch die Fülle seiner Aufgaben beeinträchtigte seine Wirksamkeit für die Bürgerschule. Seine Bür- gerschulkollegen am Schulberg verfügten zwar über eine Seminarausbildung, dagegen war das Leistungsniveau der Torschullehrer sehr unterschiedlich ausgeprägt. Der Plauener Bürgerschule fehlte somit in den ersten Jahren ihres Bestehens ein Schulhaus, das alle zu beschulenden Kinder aufnehmen konnte, und es fehlte ein leistungsfähiger Lehrkörper, der sich umfassend den gewachsenen Aufgaben der Elementarbildung widmen konnte. Beide Faktoren bereiteten den Plauener Stadtvätern keine geringe Sorge, zumal das "Gesetz, das Elementar-Volksschulwesen betreffend" vom 6. Juni 1835 harte Kriterien formuliert hatte. Eindeutige Vorgaben hinsichtlich der Schulgebäude und -räume, der zulässigen Schülerzahlen pro Klasse, der Qualifikation der Lehrer und der zu erteilenden Unterrichtsfächer konnten in Plauen vorerst nicht erfüllt werden. Damit war eine weitere Bildungsmaßnahme gefährdet, die damals in ganz Sachsen Einzug hielt und auch für den Aufschwung der vogtländischen Wirtschaft unverzichtbar war: die 1836 gegründete "Gewerbschule", eine Vorform der heutigen - Berufsschule. Sie benötigte für die Abend- und Sonntagskurse der schon schulentlassenen Jugendlichen Unterrichtsräume, und sie benötigte eine solide Bügerschulbildung als Grundlage ihrer Arbeit. Doch die Lösung der Probleme ließ weiter auf sich warten, so dass sich auch die Presse einschaltete. Zwar gab es seit 1835 eine städtische Kommission, die das Projekt Bürgerschule befördern sollte, doch die leere Stadtkasse verhinderte ein rasches Handeln. Erst am 4. September 1838 erfolgte die Grundsteinlegung für das neue Bürgerschulgebäude an der Syra unterhalb des Hradschins. Nach dreijähriger Bauzeit wurde die Schule am 3. Juni 1841 feierlich geweiht. Sie war für 2000 Jungen und Mädchen konzipiert. Gleichzeitig erhielt die Schule mit Adolph Gustav Caspari (1805 - 1874) einen erfahrenen Bürgerschullehrer als Direktor, der sich voll auf die Belange der Elementarbildung konzentrieren konnte. Mit ihm wurden acht weitere Haupt- und zwei Hilfslehrer angestellt, die eine ordentliche Seminarausbildung erfahren hatten. Damit waren in Plauen endlich - sechs Jahre nach Erlaß des Gesetzes - die Bedingungen für eine solide Volksbildung geschaffen.

Tags: Plauener Bürgerschule, Finke

Home » Volksschulbildung » Der schwierige Anfang der Plauener Bürgerschule nach 1835