Die Elsterberger Strohflechtschule

16.07.1996von Roland Schmidt

 

Seit jeher zählte das Vogtland zu den strukturschwachen Regionen Deutschlands. Das schlug sich in Zeiten wirtschaftli chen Niedergangs vielfach in Armut und Not seiner Bewohner nieder. Immer wieder gab es aber auch Bemühungen einflußreicher Persönlichkeiten, Auswege aus dieser Situation zu zeigen. Sie spürten Möglichkeiten auf, wenigstens einigen Menschen Arbeit und Brot zu geben. Sie schufen neue Produktionsstätten und hielten sie - vielen alltäglichen Widrigkeiten zum Trotz - längere Zeit am Leben und halfen so, die Notlage zu lindern. Eine dieser Persönlichkeiten war der Elsterberger Gerichtsdirektor Gustav Adolph Ackermann, der sich in den zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts mehrfach gravierenden Existenznöten der Einwohner seiner vogtländischen Kleinstadt gegenübergestellt sah und seine einflußreiche Stellung nutzte, gemeinnützige Aktivitäten zugunsten der sozial Schwachen ins Leben zu rufen. Ackermann stammte aus Auerbach, wo er am 16. 1. 1791 als Sohn des dortigen Oberpfarrers geboren worden war. Die soziale Prägung erfuhr er schon im Elternhaus, denn auch sein Bruder Wilhelm (1789 - 1848), der sich später als ein bedeutender Pestalozzi-Schüler einen Namen gemacht hatte, fühlte sich zeit seines Lebens dem Gedanken der Hilfe und tätigen Solidarität verpflichtet. Gustav Adolph Ackermann hatte die juristische Laufbahn eingeschlagen. 1814 erhielt er in Elsterberg eine Anstellung als Rechtskonsulent. Schon zwei Jahre später mußte er miterleben, wie ein verheerender Brand fast die gesamte Elsterberger Ernte vernichtete. Er organisierte eine Geldsammlung für die hungernde Bevölkerung, zu der auch sein Bruder Wilhelm, der sich gerade in England aufhielt, beitrug. In den folgenden Jahren hatte Gustav Adolph Ackermann einen noch größeren Anlaß, die Nöte der Stadtbewohner zu lindern. Die Musselinweberei, die der Stadt Elsterberg Ende des 18. Jahrhunderts gediegenen Wohlstand gebracht hatte, erlebte nach 1825 einen rasanten Niedergang, so daß es in einem Bericht an die Regierung in Dresden hieß, daß "hiesiger Ort fast aus nichts als durchgängig zu Bettlern gewordenen Webern bestehet." Als 1829 darüber hinaus eine Mylauer Firma, für die viele Elsterberger gearbeitet hatten, zahlungsunfähig geworden war, spitzte sich die Lage noch weiter zu. In dieser Situation setzte Ackermann beim Stadtrat durch, die arbeitslosen Männer gegen Bezahlung mit Straßenbauten zu beschäftigen, und für die Frauen und Mädchen entwickelte er eine völlig neue Idee. Er richtete für sie im Schießhaus Kurse zum Strohflechten ein. Mit Fleiß und Akribie produzierten die Frauen die verschiedensten Gebrauchs- und auch Schmuckgegenstände aus Stroh, andere zogen mit Tragkörben übers Land und verkauften sie zu einem niedrigen Preis. Die gab es aber nicht nur für Erwachsene, sondern Ackermann richtete auch für Kinder eine Strohflechtschule ein. Etwa 60 arme, meist verwahrloste Kinder wurden in der Kunst des Strohflechtens unterwiesen. Doch mit ihnen ging es Ackermann nicht um das Strohflechten allein, vielmehr wollte er über die tägliche Arbeit eine nachhaltige erzieherische Wirkung auf die Kinder ausüben. Der Erfolg gab ihm dabei recht, denn die Kinder wurden dem Einfluß der Straße entzogen und zu fleißiger und gewissenhafter Tätigkeit angehalten. Natürlich trug sich eine solche Strohflechtschule nicht von allein, und auch der Verkauf der Produkte konnte die finanziellen Aufwendungen bei weitem nicht decken. Ackermann war deshalb bemüht, für sein sozialpädagogisches Projekt weitere Geldquellen zu erschließen, da er ja die Kinder auch mit Nahrung und Kleidung versorgen mußte. Er veranstaltete alljährlich eine kleine Tombola, bei der Strohgeflechte als Preise zu gewinnen waren, und er rief auch außerhalb des Vogtlandes zu Spenden für seine Elsterberger Strohflechtschule auf. Eine Anonnce im "Leipziger Tageblatt und Anzeiger" vom 30. Oktober 1833 belegt das sinnfällig, in der er sich an "edle Kinderfreunde mit der höflichen innigen Bitte um milde Gaben in Gelde" wandte, um davon den Kindern zu Weihnachten Winterkleidung kaufen zu können. Im gleichen Jahr 1833 wurde die Strohflechtschule der Elsterberger Armenschule angegliedert. Damit wurde sie weiterhin aus Geldern von Stiftungen und Privatpersonen finanziert, gleichzeitig aber auch zu einem Teil mit städtischen Mitteln gefördert. Als sich Mitte der dreißiger Jahre die wirtschaftliche Situation in Elsterberg und Umgebung gebessert hatte, ging die Strohflechtschule 1836 ein. Die bislang arbeitslosen Frauen konnten wieder besser bezahlten Tätigkeiten als dem Strohflechten nachgehen, und auch für die Kinder boten sich wieder lukrativere Arbeiten an, mit denen sie zum täglichen Broterwerb der Familie beitragen konnten. Der ver heerende Elsterberger Stadtbrand von 1840 setzte dieser Aufwärtsentwicklung jedoch ein jähes Ende. Für die Schließung der Strohflechtschule 1836 dürfte es jedoch noch einen gewichtigen subjektiven Grund gegeben haben: Gustav Adolph Acker mann war ein Jahr vorher - 1835 - ans Dresdner Appellationsgericht versetzt worden. Obwohl er auch weiterhin mit Elster berg und seiner Entwicklung verbunden blieb, war sein täglicher persönlicher Einsatz für die Strohflechtschule nicht mehr möglich. Hochbetagt starb Ackermann am 19. Februar 1872 in Dresden.

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