Die ersten Bezirksschulinspektoren im Vogtland (1874)

23.12.2004von Roland Schmidt

 

Im Herbst 1874 nahmen zwei Herren im besten Mannesalter im Vogtland ihren Wohnsitz, um hohe staatliche Ämter anzutreten. Heinrich Gustav Seltmann und Johannes Ludwig Perthen waren vom sächsischen Minister für Kultus und öffentlichen Unterricht, Karl Friedrich Wilhelm von Gerber, zu Königlichen Bezirksschulinspektoren berufen und mit der Leitung der Schulinspektionsbezirke Plauen bzw. Auerbach betraut worden. So wie sie wurden zu dieser Zeit im gesamten Königreich 23 weitere Pädagogen ernannt, die künftig die Aufsicht über das Volksschulwesen zu führen hatten. Die Berufung der Bezirksschulinspektoren ergab sich aus mehreren Gesetzen, die die beiden Kammern des sächsischen Landtags ein anderthalbes Jahr vorher, im April 1873, verabschiedet hatten. Das Kirchengesetz (15.4.) erklärte das evangelisch-lutherische Landeskonsistorium zur obersten Kirchenbehörde des Königreiches und setzte neue Akzente im Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Das Gesetz über die Organisation der Behörden für die innere Verwaltung (21.4.) gliederte Sachsen in 26 Amtshauptmannschaften, und schließlich hatte das „Gesetz, das Volksschulwesen betreffend“ vom 26. April 1873 wichtige Voraussetzungen zur dringend notwendigen Leistungssteigerung in den Schulen für die Kinder des einfachen Volkes geschaffen. Eine wichtige Bedingung dafür war die Einführung der staatlichen Aufsicht und Kontrolle über die Schulen und ihre Lehrer. Seit der Reformation lag diese Aufgabe in den Händen der Kirche. Die Pfarrer der Kirchgemeinden waren die Dienstvorgesetzten der Lehrer, die Verantwortung über das Volksschulwesen der Ephorie (Kirchenbezirk) trugen die Superintendenten, und auf Landesebene übte das Oberkonsistorium als leitende Kirchenbehörde auch die Schulaufsicht aus. Die erste sächsische Verfassung von 1831 hatte daran nur wenig geändert. Zwar gab es seitdem ein Königliches Ministerium für Kultus und öffentlichen Unterricht mit einem verantwortlichen Minister, doch die inhaltliche und personelle Bindung dieser staatlichen Institution mit dem Oberkonsistorium blieb bestehen. Auf der mittleren und unteren Ebene gab es keinerlei Veränderungen. Der Superintendent inspizierte das Schulwesen seines Kirchenbezirks, und die Pfarrer behielten das Aufsichtsrecht über die Schulen und die Lehrer ihres Kirchspiels. Für die Lehrer war das eine bedrückende Situation, in die sie sich lange Zeit demütig gefügt hatten. Doch in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wuchs die Zahl derer, die den Wegfall der geistlichen Schulaufsicht verlangten, und in der Revolution 1848/49 wurde dieses Ziel zur wichtigsten schulpolitischen Forderung. Durch die Niederlage der demokratischen Kräfte blieb sie unerfüllt, zwei Jahrzehnte später wurde sie aber aktueller denn je. Die schnell voranschreitende Industrialisierung bedurfte besser gebildeter Arbeitskräfte, und der rasche Anstieg der Einwohnerzahlen in den Städten und größeren Landgemeinden stellte das Volksschulwesen vor qualitativ und quantitativ neue Herausforderungen. Die Leistungsfähigkeit der Volksschulen musste erhöht und ihr Bildungsgang durch eine obligatorische Fortbildungsschule verlängert werden. Verbindliche Lehrpläne mussten eingeführt werden, und auch in der Arbeit mit den Lehrern galt es neue Wege zu beschreiten. Die Durchsetzung dieser Punkte konnte von den Superintendenten nicht geleistet werden, so dass sich auch das Kultusministerium dem Ruf nach einer Aufsicht der Schule durch qualifizierte Pädagogen nicht länger verschließen konnte. Allerdings führte das Volksschulgesetz 1873 diese fachmännische Schulaufsicht nur auf der territorialen Ebene ein. In den Dörfern blieb die Unterstellung des Lehrers unter den Pfarrer unangetastet.Eine Verordnung vom 26. August 1874 unterteilte das Königreich Sachsen zunächst in 26 Schulinspektionsbezirke ein. Zwei davon entfielen auf das Vogtland, und Plauen und Auerbach wurden Amtssitze der beiden Bezirksschulinspektoren. Ausschlaggebend für die territoriale Abgrenzung war die Zuständigkeit der Gerichtsämter für die einzelnen Schulorte, nicht die Zugehörigkeit zu einem Kirchenbezirk. Der Plauener Inspektionsbezirk war mit den Grenzen der Amtshauptmannschaft identisch. Er reichte von Neumark bis Gutenfürst, von Mühltroff bis Theuma, und er schloss auch die Stadt Plauen in sich ein. Er zählte 69 Volksschulen, an denen 186 Lehrer tätig waren und 16 430 Schüler unterrichtet wurden. Für sie war als Bezirksschulinspektor Heinrich Gustav Seltmann zuständig. Er war 1834 im osterzgebirgischen Schmiedeberg geboren worden und hatte in Leipzig seine ersten pädagogischen Erfahrungen gesammelt. Später leitete er die Volksschule in Schandau an der Elbe, zuletzt war er Pfarrer in Jöhstadt. Der Schulinspektionsbezirk Auerbach erstreckte sich über die Amtshauptmannschaften Auerbach und Oelsnitz. Irfersgrün im Norden und Schönberg im Süden, Wiedersberg im Westen und Morgenröthe im Osten bildeten die Eckpunkte des Territoriums, in dem es 118 Schulen mit 22 146 Schülern und 201 Lehrern gab. Der Bezirksschulinspektor Johannes Ludwig Perthen war damals 47 Jahre alt. Er stammte aus Großenhain und war bisher in Dresden tätig gewesen, zuletzt als Direktor einer großen Volksschule. Beide Staatsbeamte waren verpflichtet, die Schulen und Lehrer ihres Bezirkes zu besuchen und die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften für die Bildungsstätten zu kontrollieren. Sie besaßen Weisungsrecht. Sie mussten die Anstellung eines Lehrers billigen, und sie übten gegenüber den Volksschullehrern auch das Disziplinarrecht aus. Da sowohl die materiellen Belange der Schulen als auch Anstellung und Bezahlung der Lehrkräfte kommunale Angelegenheiten waren, benötigten sie enge Kontakte zu den Schulvorständen der Gemeinden. Darüber hinaus mussten die Inspektoren mit den kirchlichen Amtsträgern eng zusammenarbeiten, da die Pfarrer die Ortsschulaufsicht ausübten und die Superintendenten nach wie vor die Aufsicht über den Religionsunterricht innehatten. Die Bezirksschulinspektoren waren verpflichtet, einmal im Jahr mit ihren Lehrern eine pädagogische Konferenz durchzuführen, und natürlich mussten sie auch regelmäßig Berichte an das Ministerium in Dresden schreiben. Alle diese Aufgaben nahmen die Bezirkschulinspektoren in der Regel allein wahr. Sie verfügten in Plauen bzw. Auerbach nur über ein kleines Büro, das von einem Sekretär verwaltet wurde. Die Hospitationsreisen in die Dorfschulen erfolgten in einer einfachen Pferdekutsche. Lange Wege und schlechte Straßen machten sie beschwerlich, so dass das eigentlich gedachte Ziel, jede Schule wenigstens einmal im Schuljahr zu besuchen, keineswegs erfüllt wurde. Vor allem der Auerbacher Inspektor hatte dazu keine Chance. Zum einen hatte er wesentlich mehr Einrichtungen als sein Plauener Kollege zu kontrollieren, zum anderen hatte er die längeren Reisewege zu absolvieren. So war Schönberg am Kapellenberg offiziell mit 10 bis 12 und Wernitzgrün mit 7 Stunden Wegstrecke von Auerbach entfernt ausgewiesen. Der Auerbacher Schulinspektionsbezirk wurde deshalb am 1. Dezember 1876 geteilt, indem der Inspektionsbezirk Oelsnitz geschaffen wurde. Für ihn war Gottlob Franz Baunack verantwortlich. Er war 1825 in Schönefeld bei Leipzig geboren worden und hatte in verschiedenen Schulen des Muldentales gearbeitet, bevor er ins Vogtland berufen wurde. Alle drei Bezirksschulinspektoren erfüllten ihre Aufgaben sehr gewissenhaft. Natürlich waren sie Respektspersonen, doch sie gingen auch offen auf die Lehrer zu. Vor allem durch ihre aktive Mitarbeit in den verschiedenen Lehrervereinen bekamen sie ein Gespür für die Sorgen und Nöte ihrer Lehrer, das sie zur erfolgreichen Erfüllung ihrer Aufgaben befähigte. Das Ministerium in Dresden hat das offenbar auch so gesehen, denn im Gegensatz zum häufigen Wechsel der Bezirksschulinspektoren in anderen Teilen Sachsens blieben die drei vogtländischen Stellen personell sehr stabil besetzt. Perthen schied 1885 nach elfjähriger Tätigkeit durch den Tod aus seinem Amt, während Baunack 20 und Seltmann gar 26 Jahre in ihren Funktionen verblieben.

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