Die Familie Hand förderte die Familie Mosen

08.08.2001von Roland Schmidt

 

Im Frühjahr 1796 brachte der Arnoldsgrüner Kantor und Lehrer Johann Gottlob Mosen seinen Sohn gleichen Namens nach Plauen, um ihn bei Rektor Ehrenfried Rost der Aufnahmeprüfung für das Lyceum zu unterziehen. Der Junge hatte Erfolg und durfte gleich am nächsten Tag auf der Schulbank Platz nehmen. Der Vater war über die bestandene Prüfung seines bereits 18jährigen Sohnes sehr erfreut, er wußte aber auch, welche finanziellen Sorgen damit verknüpft waren. Beim Abschied drückte er dem Jungen ein paar Münzen in die Hand und sagte: "Hier hast Du zum Anfang eine Gabe, nimm sie zusammen, Du weißt, wieviel Kinder ich habe." Diese Episode zwischen seinem Großvater und seinem Vater beschrieb Jahrzehnte später Julius Mosen in seinen "Erinnerungen", und sie bringen sehr deutlich die sozialen Verhältnisse zum Ausdruck, unter denen sich begabte Kinder aus dem einfachen Volk ihre Bildung erkämpfen mußten. Für den jungen Johann Gottlob Mosen bedeuteten die Worte des Vaters die Verpflichtung zum fleißigen Lernen. Sie ergab sich zum einen aus dem Bewußtsein, dass die Eltern und Geschwister für diesen Schulbesuch des Sohnes bzw. Bruders viele eigene Wünsche zurückstellten, zum anderen aber auch aus der Notwendigkeit, mit guten schulischen Leistungen auf sich aufmerksam zu machen und Gönner zu finden, die durch finanzielle Zuwendungen,durch "Freitische" für wöchentlich 2 - 3 Mahlzeiten oder auch durch freundschaftlichen Rat die schulische Entwicklung unterstützten. Einen solchen Förderer fand Johann Gottlob Mosen im Plauener Superintendenten Johann Christian Hand. Er war 1743 in Calau (Niederlausitz) geboren worden, hatte Theologie studiert und als Anstalts pfarrer des Zucht-, Armen- und Waisenhauses in Waldheim wichtige soziale Erfahrungen gesammelt. Später war er als Inspektor der Fürstenschule Schulpforte bei Naumburg und als Superintendent in Freyburg/Unstrut tätig, bevor er ins Vogtland kam. 13 Jahre lang, von 1785 bis 1798, fungierte Hand als Superintendent der Diözese Plauen. Er übte nicht nur die Kirchen-, sondern auch die Schulaufsicht aus, und er hielt deshalb auch einen engen Kontakt zum Plauener Lyceum. So erließ er 1792 eine Schulordnung für die Plauener Hohe Schule, und drei Jahre später setzte er trotz leerer Stadtkasse die Anstellung eines Französischlehrers durch. Schließlich verfaßte er 1795 ein Gesang- und Gebetbuch für die Stadt- und Landschulen seines Kirchenbezirks, das mehrere Auflagen erlebte. Superintendent Hand hatte jedoch auch ein waches Auge für die sozialen Verhältnisse der Schüler am Plauener Lyceum.So erkannte er sehr schnell sowohl die überdurchschnittliche Begabung als auch die bittere Armut des Kantorensohns aus Arnoldsgrün. Er machte Mosen zu seinem "Famulus", d.h. zu seinem Gehilfen bei Amtsgeschäften, dafür beköstigte er ihn in seinem Hause und stand ihm auch sonst mit Rat und Tat zur Seite. Damit sicherte er nicht nur den Schulbesuch des 18jährigen ab, sondern er setzte sich auch dafür ein, dass Johann Gottlob Mosen bereits zwei Jahre später - 1798 - die frei gewordene Stelle als Kirchschullehrer in Marieney bekam. Auch Hand verließ im gleichen Jahr Plauen und war bis zu seinem Tod (1807) als Superintendent in Sorau, dem heute polnischen Zary, tätig. Hatten sich die Wege von Hand und Mosen damit auch getrennt, so blieb die persönliche Bindung nicht nur bestehen, sondern sie übertrug sich auch auf beider Söhne. Ferdinand Gotthelf Hand, der Sohn des Superintendenten, war 1786 in Plauen geboren worden, und er hatte noch als Kind den Famulus Mosen als häufigen Gast in seinem Elternhaus kennengelernt. Der junge Hand studierte später Philologie und war danach als Lehrer für alte Sprachen in Jena tätig, darüber hinaus verfaßte er Lehrbücher für den Lateinunterricht, die noch lange nach seinem Tod (1851) in den Gymnasien verwendet wurden. War er bereits durch seine Herkunft in einer sicheren sozialen Position, so wurde sie 1818 mit seiner Anstellung als Erzieher der Prinzen und Prinzessinnen am Weimarer Hof endgültig gefestigt. Er unterrichtete die vier Enkelkinder des Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar, darunter Prinzessin Augusta, die spätere Ehefrau des deutschen Kaisers Wilhelm I., und er begleitete sie auch auf vielen Reisen. Die gut dotierte Stelle machte es Ferdinand Gotthelf Hand nicht schwer, Wohltätigkeit für Bedürftige zu praktizieren. Das wußte sicher auch Johann Gottlob Mosen, der Marieneyer Kirchschullehrer, als er sich über den weiteren Werdegang seines Sohnes Julius Gedanken machte. Julius Mosen hatte von 1817 bis 1821 das Plauener Lyceum besucht, und ihm war es nicht anders ergangen als seinem Vater ein Vierteljahrhundert vorher - die Armut war täglicher Gast, und ohne die Unterstützung wohlhabender Gönner wäre der Aufenthalt in Plauen nicht erschwingbar gewesen. Für das gewünschte Jurastudium war aber die finanzielle Hilfe erneut zu klären, und so war es gewiß kein Zufall, dass sich Mosen nicht - wie damals üblich - an der sächsischen Landesuniversität Leipzig einschrieb, sondern nach Jena, wandte, in die räumliche und geistige Nähe von Professor Hand. In der Stadt an den Kernbergen nahm er 1822 sein Jurastudium auf. Hand half ihm finanziell, aber er verschaffte ihm auch Zutritt zu verschiedenen gesellschaftlichen Kreisen in Jena, die weniger für sein unmittelbares Berufsziel Advokat als vielmehr für seinen weiteren Weg als Dichter maßgebend waren. So führte ihn Hand in die Jenenser "Ästhetische Gesellschaft" ein, und der Sprachlehrer und Fürstenerzieher gewährte ihm auch vielfältige andere Unterstützung. Die benötigte Mosen vor allem nach dem Tod seines Vaters im August 1823. In dieser Zeit siegte in ihm endgültig der Dichter über den Juristen, und eine Italienreise - wiederum ermöglicht von wohlhabenden Freunden - gaben ihm dafür die letzte Bestätigung. Zwar führte er später sein Jurastudium in Leipzig zu Ende, und er arbeitete noch 15 Jahre als Advokat, doch seine Liebe galt der Literatur, und seine Werke ließen ihn zu einem vielgelesenen Autoren des 19. Jahrhunderts werden. Die beiden Hands, der Superintendent wie der Sprachwissenschaftler, hatten daran entscheidenden Anteil. Ihre tatkräftige Hilfe ermöglichte beiden Mosens,´ dem Kirchschullehrer wie dem Dichter, einen Werdegang, der ihnen sonst - trotz aller Begabung und allen Fleißes - nicht möglich gewesen wäre.

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