Die Familie Hennig in Falkenstein prägte fast 200 Jahre das Schulwesen der Stadt

21.02.2003von Roland Schmidt

 

Es kam in den vogtländischen Schulen keineswegs selten vor, dass eine Lehrerstelle vom Vater auf den Sohn überging. Das Falkensteiner Schulwesen wartete aber mit einem Beispiel auf, das nicht gleich übertroffen wurde: Fast 200 Jahre lang, von 1689 bis 1876, war die Schule in den Händen der Familie Hennig. Viermal trat der Sohn in die Fußstapfen des Vaters und schließlich setzte ein Schwiegersohn der Falkensteiner Lehrerdynastie ein Ende. Dabei sah es anfangs gar nicht so aus, dass sich eine solche fast zweihundertjährige Amtsfolge anbahnen würde. Der erste Vertreter der Familie, Daniel Hennig, war 1689 Lehrer in Falkenstein geworden. Er stammte aus Ehrenfriedersdorf und war längere Zeit als Organist in Breitenbrunn tätig. Er kam mit den besten Empfehlungen , und er rechtfertigte sie durch seine tägliche Arbeit. Doch schon nach sechs Jahren setzte der Tod seiner Tätigkeit ein frühes Ende. Sein letzter Wunsch, sein Sohn Johann Daniel möge das Amt übernehmen, stieß auf den energischen Widerstand des Falkensteiner Pfarrers Flade. Dieser hielt den jungen Mann, der noch Schüler am Plauener Lyceum war, für unzuverlässig, widerborstig und faul, und er äußerte sich mit dieser ablehnenden Haltung auch gegenüber dem Plauener Superintendenten, Magister Johann Heiffel. Johann Daniel wurde aus dem Bewerberkreis gestrichen. Somit hätte es die Lehrerdynastie Hennig nicht gegeben, doch der neu bestallte Lehrer Gottfried Gräffner starb 1699 nach nur vierjähriger Amtszeit. Johann Daniel Hennig bewarb sich erneut um die freigewordene Stelle, doch Pfarrer Flade hatte seine früheren Vorbehalte gegen ihn nicht vergessen. Er schrieb wiederum nicht nur ein ablehnendes Gutachten an den Superintendenten nach Plauen, sondern er legte auch noch einige "Argumente" drauf: "Denn er ist 1. des liederlichen Lebens gewohnt, hat 2. kein fundamentum in musicis und ist 3. in anderen einem Schulmeister nötigen Wissenschaften ein rechter Idiot, 4. ein falscher Mensch..." Gewiß ein starker Tobak - doch in Plauen saß inzwischen ein anderer Mann, Dr. Johannes Avenarius, auf dem Sessel des Superintendenten, und der vertraute lieber seinem eigenen Urteil. Er lud Johann Daniel Hennig zu einer Prüfung ein, der sich dieser mit Achtung entledigte, zugleich aber mit dem Versprechen, vorhandene Wissenslücken durch eigenen Fleiß zu schließen. "Nun müsse das Werk seinen Meister loben", schrieb Avenarius an Pfarrer Flade, und der mußte sich seinem Vorgesetzten fügen. Johann Daniel Hennig erhielt 1699 die Stelle des Falkensteiner Schulmeisters, und er übte sie 39 Jahre lang aus, bis zu seinem Tod im Jahre 1738. Er versah sein Amt mit Fleiß und Umsicht, und er durfte sich als erster Lehrer dieser vogtländischen Stadt mit dem Titel "Kantor" schmücken. Er hatte es aber auch nicht leicht, denn die Falkensteiner Schule stammte noch aus dem Jahre 1568 und war mehr als baufällig geworden. Wiederholt warnte Hennig den zuständigen Patron von Trützschler auf Oberlauterbach, welche Brandgefahr von der Schule für die 1730 in unmittelbarer Nachbarschaft geweihte Kirche und für die gesamte Stadt ausgeht, doch seine Bitten um einen Schulneubau oder wenigstens um die Sanierung des alten Gebäudes blieben unerfüllt. Johann Daniel trug seine Wünsche zwar "in tiefster Devotion" vor, bei der Mahnung für ausstehende Zahlungen und Naturalleistungen trat er 1737 jedoch entschlossen und mit Nachdruck auf. Nach seinem Tod führte zunächst seine Witwe die Schulstelle weiter, bevor sein Sohn Johann Christian Hennig die Nachfolge antrat. Dieser war vorher Schulmeister in Bergen gewesen, und er wirkte bis 1759 in Falkenstein. Dann kam der vierte Hennig ins Amt, und er übte es 64 Jahre lang aus, bis 1823. Das war eine rekordverdächtige Dienstzeit als Kantor! In den ersten Jahrzehnten trat Hennig wiederholt mit Vorschlägen hervor, einen besseren Schulbesuch der Kinder zu sichern, denn meist waren von den etwa 100 Schülern nur 60 bis 70 Kinder anwesend. Ein wichtiges Mittel sah er in einer Verschiebung der Sommerferien auf den September, wo die meisten Kinder bei der Kartoffelernte benötigt wurden. Er schlug auch unterschied- liche Unterrichtszeiten für die Kinder vor. Die großen Schüler sollten vormittags, die kleinen nachmittags zum Unterricht kommen, so hätten die Eltern zu jeder Tageszeit Kinder als Gehilfen am Webstuhl zur Verfügung. Mit großer Hartnäckigkeit kämpfte er aber gegen die Einstellung eines zweiten Lehrers in Falkenstein. Zwar hielt er diese 1794 unter pädagogischem Aspekt für wünschenswert, doch er widersetzte sich mit Erfolg entsprechenden Absichten der Stadtverwaltung, denn dann hätte er sein schmales Einkommen mit dem zweiten Lehrer teilen müssen. Fünf Jahre später sah er das freilich etwas anders. Da stand er im vierzigsten Dienstjahr und fühlte wohl schon deutlich die Bürde des täglichen Unterrichts bei ständig steigender Kinderzahl. Vor allem aber stand sein Sohn August Ferdinand Hennig vor dem Abschluß seines Theologiestudiums und war an einer Anstellung in der Schule interessiert. Er wurde dem Vater als Gehilfen beigegeben, und so wirkte von 1799 bis 1823 gemeinsam mit dem Vater Hennig auch der Hilfslehrer Hennig in der Falkensteiner Schule. Im Alter von 83 Jahren trat der alte Hennig 1823 in den Ruhestand, und unter Verzicht auf die sonst übliche neuerliche Lehrprobe übernahm nun der Sohn die Amtspflichten des Kantors. Für die inzwischen 400 Schulkinder war die Stelle eines zweiten ständigen Lehrers unerläßlich, sie erhielt Karl Gottlob Weller. August Ferdinand Hennig blieb bis zum Jahre 1837 im Amt, um es dann seinem späteren Schwiegersohn Heinrich Adolf Brückner zu übertragen. Dieser unterrichtete in Falkenstein bis 1876, und er hat sich in den 39 Dienstjahren die Achtung der Bürger erworben. Dabei war sein Amt schwierig genug, denn das alte marode Schulhaus - noch immer das Gebäude aus dem Jahre 1568 - platzte aus allen Nähten, und zusätzlich gemietete Räume machten die Arbeit nicht leichter. Erst mit dem Schulneubau 1843 zeichnete sich eine Entspannung ab. Dagegen blieb der Kampf Brückners und seiner Kollegen um eine angenmessene und vor allem regelmäßige Besoldung noch lange Jahre auf der Tagesordnung. Die Stadt hatte kein Geld, um die seit 1835 gesetzlich vorgeschriebenen Besoldungssätze zu zahlen, und wiederholt mußte sie monatelang gegenüber den Lehrern in der Schuld bleiben. Brückner war deshalb wie seine verwandten Vorgänger dringend auf Nebenverdienste angewiesen, die seine pädagogische Arbeit beeinträchtigten. Das führte zu Vorwürfen seitens der Stadt, dass es in der Schule an Zucht und Ordnung mangele, und es entspann sich ein endloser Streit darüber, was Ursache und Wirkung sei, ohne dass die eigentlichen Gründe - die zu geringen Finanzmittel für die Schule und für die Lehrer - beseitigt wurden. Mit dem Tode Brückners im Jahre 1876 endete die nahezu 200 jährige Geschichte der Falkensteiner Lehrerdynastie Hennig. Sie wurde von nur 6 Personen geschrieben, und sie beinhaltete Probleme, die in anderen vogtländischen Städten ähnlich auftraten.

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