Die Mädchenschule im Gemeindekirchkasten

30.09.2008von Roland Schmidt

 

Die von Zeitgenossen beschriebenen Zustände sind für uns heute unfassbar, für viele Generationen Plauener Mädchen waren sie jedoch bittere Realität: die Unterrichtsbedingungen in der alten Plauener Mädchenschule, die rund 300 Jahre im „Gemeindekirchkasten“ Ecke Untere Endegasse/Kirchplatz ihr Domizil hatte. Der eigenwillige Name stammt aus der Reformationszeit, in der der Begriff „Kasten“ für unser heutiges Wort „Kasse“ gebraucht wurde. In den Plauener Gemeindekirchkasten flossen alle Einnahmen, die aus der Vermietung des ehemaligen Dominikanerklosters am Klostermarkt erzielt wurden. Sie fanden für gemeinnützige Zwecke Verwendung, so auch für das Gebäude nahe der Johanniskirche, wobei sich der Name der Kasse sehr schnell auf das Haus übertrug, aus der es finanziert wurde. Dieser „Gemeindekirchkasten“ am Kirchplatz 2 beherbergte in den beiden Obergeschossen Amtswohnungen für Geistliche und kirchliche Beamte, während in seinem Erdgeschoss die Plauener Mädchenschule untergebracht war.

Das war so seit Mitte des 16. Jahrhunderts, als die erste Plauener Mädchenschule gegründet worden war, und daran änderte sich auch nach 1732 nichts, nachdem das Haus am ersten Weihnachtsfeiertag einem Brand zum Opfer gefallen und wieder aufgebaut worden war. Die Schule umfasste nur zwei Räume, die die insgesamt etwa 240 Kinder nur mit Mühe fassen konnten. Das kleine Zimmer war an der Ecke zur Unteren Endegasse gelegen. Es verfügte über keinen separaten Eingang, sondern war nur über das große Zimmer zu erreichen. Seine beiden Fenster boten den 80 Schülerinnen der „ABC-Schul“ (wie die Plauener sagten) nur wenig Tageslicht, dennoch wurden die Mädchen an sechs Tagen in der Woche je vier Stunden in Religion, Lesen, Schreiben und elementarem Rechnen unterrichtet. Für die meisten Mädchen dauerte diese Anfangsklasse zwei Jahre, doch auch vier oder fünf Jahre waren keine Seltenheit. Auf die „ABC-Schul“ folgte „die gruoße Schul“, die in der Regel sechs Jahre besucht wurde. Das entsprechende Zimmer war doppelt so groß wie das der „ABC-Schule“, dafür wurde in ihm aber auch die doppelte Zahl an Mädchen unterrichtet. 160 Schülerinnen zwängten sich in 16 lange Bänke, die jedoch aus Platzmangel nicht alle über Schreibplatten verfügten, so dass viele Mädchen ihre Hefte auf den Knien halten mussten. Andere knieten sich auf den Fußboden und nutzten die Sitzbank als Schreibunterlage. Von einem erfolgreichen Lernen konnte keine Rede sein, und Disziplinverstöße waren an der Tagesordnung. Die Lehrer standen der Situation oft hilflos gegenüber, notgedrungen duldeten sie stillschweigend, dass die größeren Mädchen während des Unterrichts strickten oder andere Handarbeiten verrichteten, während sie sich den jüngeren Schülerinnen widmeten.

Für die insgesamt rund 240 Kinder standen jeweils nur zwei Lehrkräfte zur Verfügung, wobei auch in Plauen – wie überall in Sachsen – traditionell die erste Mädchenlehrerstelle dem Organisten zustand. Seine wichtigste Aufgabe war es, zum sonntäglichen Gottesdienst, aber auch zu anderen kirchlichen Anlässen die Orgel zu spielen, seine Pflichten als Mädchenschullehrer rangierten erst an zweiter Stelle. Die Lehrer erteilten in jeweils zwei Vor- und Nachmittagsstunden Unterricht in Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen, auch etwas Naturkunde, Geographie sowie vaterländische (sächsische) Geschichte standen auf dem Plan. Für einige Schülerinnen gab es auch zusätzliche Privatstunden. Sonnabends kassierten die Lehrer die wöchentlich 12 Pfennige Schulgeld – bei der großen Zahl von Schülerinnen eine aufwändige Angelegenheit.

Es wären viele Lehrer zu nennen, die unter diesen schwierigen Bedingungen an der Plauener Mädchenschule unterrichteten. Der letzte war der 1806 in Kürbitz geborene Adolph Ehregott Gritzner, der 1832 diese Stelle zusammen mit dem Organistenamt an der Johanniskirche antrat. Im Unterschied zu manchem seiner Vorgänger übte er sie jedoch nur 9 Jahre aus, denn am 3. Juni 1841 zogen auch die Schülerinnen mit in die neu erbaute Bürgerschule an der Syrastraße ein. Damit erhielten endlich auch die Plauener Mädchen ordentliche Unterrichtsbedingungen.

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