Die Schillerschule in der Jößnitzer Straße

14.10.2001von Roland Schmidt

 

"Hier soll einmal eine Schule gestanden haben? Das kann ich mir nicht vorstellen." Der erstaunte Blick eines etwa 40jährigen Plaueners verwundert nicht, doch auch ältere Einwohner der Stadt haben durchaus Mühe, sich an die Schillerschule im Pauluskirchenviertel zu erinnern. Vor 120 Jahren erbaut und im Krieg zerstört, ist sie heute nahezu vergessen. In den Jahren von 1882 bis 1945 war sie aber für viele Plauener Kinder die Stätte der Elementarbildung. Darüber hinaus ist ihr Entstehen am Standort Jößnitzer Straße/Schillerstraße ein beredtes Zeugnis für die weitblickende Arbeit der damaligen Stadtväter, die schulischen Herausforderungen zu bewältigen, die sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts aus dem rasanten Wachstum Plauens ergaben. Die Zahl der Schüler erhöhte sich von Jahr zu Jahr, und die Stadt konnte gar nicht schnell genug Unterrichtsräume schaffen, um die Kinder ordentlich beschulen zu können. Das galt vor allem für die "Bezirksschulen" So nannten sich die Bildungsstätten für die Kinder der einfachen Schichten des Volkes nach der im sächsischen Volksschulgesetz vom 26. April 1873 verfügten Dreiteilung der Volksschulen. Sie wurden von den Schülern acht Jahre lang besucht, und ihr Bildungsinhalt beschränkte sich neben dem Religionsunterricht auf die - wie es im Gesetz hieß - "für das bürgerliche Leben unentbehrlichen Kenntnisse und Fertigkeiten." Dazu zählten neben Deutsch und Rechnen auch Geschichte, Erdkunde, Naturkunde, Singen, Zeichnen und Turnen sowie für die Mädchen Nadelarbeit. Die Stadt Plauen errichtete 1874/75 die 1. Bezirksschule am Anger für die Kinder der Hammer- und Brückenvorstadt. Sie war für 1200 Jungen und Mädchen konzipiert, tatsächlich wurde sie aber bald von mehr als 2000 Schülern besucht. Eine 2. Bezirksschule war also dringend erforderlich, und sie wurde 1876 an der Straßberger Straße eröffnet. Sowohl die Anger- als auch die Krausenschule, wie die beiden Einrichtungen seit 1920 genannt wurden, spielten eine wichtige Rolle im Plauener Schulleben, doch es war schon bald abzusehen, dass ihre Kapazität innerhalb kurzer Zeit mehr als erschöpft sein würde. Ursprüngliche Vorstellungen, beide Schulen durch Anbauten zu erweitern, wurden schnell verworfen. Zum einen lagen schon die konzipierten 1200 Kinder pro Schule jenseits der Grenze pädagogischer Leitbarkeit, zum anderen hätte das unzumutbar lange Schulwege zur Folge gehabt. Das traf besonders für die Kinder rechts- und links der Bahnhofsstraße zu. Dieser Stadtteil wuchs in den Jahren nach 1875 enorm schnell in Richtung Preißelpöhl, und der Rat der Stadt faßte deshalb bereits 1876 den Bau einer dritten Bezirksschule ins Auge. Er zog vorsorglich den Kauf des Baugrundstückes in der (heutigen) Jößnitzer Straße/Ecke Schillerstraße in Betracht. Die Stadtverordneten lehnten jedoch ab und forderten einen Standort für die Schule, der der Bahnhofstraße näher lag. Das widersprach den Überlegungen des Rates aus finanzieller und logistischer Sicht. Eine größere Nähe zur Magistrale hätte den Kaufpreis des Baugeländes rapide erhöht, zudem war das weitere Wachsen der Stadt nach Osten zu erwarten. Der Rat betrachtete zwar weiterhin das Viertel Jößnitzer Straße/Ecke Schillerstraße als günstigeren Standpunkt, er konnte ihn aber im Stadtparlament nicht durchsetzen. Stattdessen wurden mehrere andere Bauplätze angeboten und vorsorglich gekauft, teilweise zu Preisen, die die des ersten Grundstückes bei weitem übertrafen. Dazu gehörte auch ein Grundstück links der Bahnhofstraße. Der Stadtrat behielt aber dennoch das ursrpünglich gedachte Baugelände im Auge und kaufte 1876 die fast 9000 Quadratmeter große Fläche für 20 566 Mark, um es eventuell für einen anderen städtischen Bau zu verwenden. Der "Gründerkrach" in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre und die damit einhergehende Flaute der wirtschaftlichen Entwicklung bremsten vorübergehend auch den Schulbaubedarf, doch zu Beginn der achtziger Jahre stand er dringender denn je auf der Tagesordnung. Noch einmal wurde im Stadtparlament die Notwendigkeit unterstrichen, die dritte Bezirksschule in der östlichen Bahnhofsvorstadt zu bauen, wo inzwischen etwa 8000 Einwohner - ein Viertel der Bevölkerung der Stadt - beheimatet waren. Das Ganze wurde nochmals auch in Zahlen über die zu beschulenden Kinder untersetzt, da die neue Schule auch eingreifende Veränderungen der bestehenden Schulbezirke mit sich bringen mußte. Der Einzugsbereich der 1. Bezirksschule (Angerschule) sollte das gesamte Gebiet rechts der Elster, die Hammervorstadt und das Stadtzentrum um die Johanniskirche und Amtsberg umfassen, in die 2. Bezirksschule (Krausenschule) sollten die Kinder der westlichen Stadtteile mit der Neundorfer und Straßberger Straße, dem Altmarkt sowie der Dobenaustraße und ihren Nebenstraßen gehen, während die 3. Bezirksschule das gesamte Gebiet zwischen Syra und Preißelpöhl als Schulbezirk erhielt. Eine sorgfältig erstellte Entfernungstabelle wies den ursprünglich gedachten Bauplatz an der Jößnitzer Straße/Ecke Schillerstraße als günstigsten aus, so dass die Entscheidung zu seinen Gunsten fiel. Dieser Bauplatz barg noch einen weiteren Vorteil in sich, eine bedeutende Kosteneinsparung beim Neubau. Das Baugelände hatte viele Gemeinsamkeiten mit dem der 2. Bezirksschule an der Straßberger Straße. Sie ermöglichten den weitgehenden Nachbau dieser Schule, so dass neuerliche Projektierungskosten entfielen. Zudem wurde wertvolle Zeit gewonnen, indem sofort die Ausarbeitung der Detailpläne und der speziellen Kostenanschläge in Auftrag gegeben werden konnte. Am 28. Mai 1880 stimmten die Stadtverordneten dem Antrag von Bürgermeister Oskar Kuntze zu, die 3. Bezirksschule in der Jößnitzer Straße zu errichten, und sie bewilligten für den Bau des Schulgebäudes und der Turnhalle sowie für die Einrichtung der Unterrichtsräume 193 000 Mark. Ostern 1882 hielten 1146 Schüler der Bahnhofsvorstadt Einzug in die neue Schule, die von Direktor Anton Moritz Weichelt geleitet wurde. Wie die Bezirksschulen am Anger und an der Straßberger Straße hatte auch die 3. Bezirksschule neben dem Volksschulunterricht eine weitere Aufgabe zu erfüllen. Sie diente in den Abendstunden als Fortbildungsschule für etwa 350 Jugendliche beiderlei Geschlechts, eine Vorläuferin der späteren Berufsschule. Innerhalb kurzer Zeit stieg die Schülerzahl der 3. Bezirksschule bedeutend an, so dass 1885 der Anbau eines Seitenflügels mit sechs Unterrichtsräumen erforderlich war. In den neunziger Jahren wurde das Einzugsgebiet der 3. Bezirksschule nochmals geteilt, nachdem 1897 an der Reißiger Straße die (heutige) Mosenschule eröffnet worden war. Die 3. Bezirksschule in der Jößnitzer Straße wurde 1896 bei einer Umstrukturierung des Plauener Volksschulwesens in "5. Bürgerschule" umbenannt. 1920 erhielt sie den Namen "Schillerschule". Wie nahezu das gesamte Wohngebiet um die Pauluskirche sank auch die Schillerschule 1945 in Schutt und Trümmer. Sie wurde nicht wieder errichtet, und die heutige Bebauung des Straßenviertels Jößnitzer Straße/Schillerstraße mit Wohnhäusern läßt tatsächlich keine Erinnerungen an einen ehemaligen Schulstandort aufkommen. Und so wird die Schillerschule wohl bald völlig vergessen sein.

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