Eine vogtländische „Industrieschule“ vor 175 Jahren

30.11.1995von Roland Schmidt

 

Der Name "Industrieschule" mag täuschen, denn hinter ihm verbirgt sich keine Berufs-oder Gewerbeschule. Er kam vielmehr um das Jahr 1800 auf und steht für ein wenig erfreuliches Kapitel unserer Vergangenheit, die schonungslose Kinderarbeit in der Zeit des aufkommenden Kapitalismus und die geringen Bildungsmöglichkeiten, die diesen Kindern blieben. Das Vogtland machte dabei keine Ausnahme, denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden auch hier die ersten Spinnfabriken und damit auch Industrieschulen. Ein Beispiel aus dem Göltzschtal bei Mylau soll das belegen. Dort "an der Mühlwand", zwei Kilometer südlich der Stadt gelegen, hatte bereits um 1780 der Kaufmann Christian Samuel Petzold eine Spinnfabrik eröffnet und sie in der Folgezeit kontinuierlich ausgebaut. Er beschäftigte in ihr nicht nur zahlreiche Männer und Frauen bis zu 12 Stunden täglich, vielmehr zog er in einem erheblichen Maße auch aus Kinderarbeit Profit. Um 1820 waren in seinem Werk etwa 50 Kinder tätig und mit Hilfsarbeiten fest in die Arbeitsprozesse der Erwachsenen eingebunden. Gleichzeitig unterlagen sie aber der seit 1805 im Königreich Sachsen verfügten Schulpflicht. Fabrikbesitzer Petzold hat das Problem auf seine Weise gelöst: Die Kinder arbeiteten tagsüber, also in der Regel 12 Stunden, danach wurden sie etwa 2 Stunden unterrichtet. Petzold hatte dafür zunächst den Schulmeister Lohse aus Limbach angestellt, und als diesem das zu beschwerlich wurde, übernahm der Katechet Ritter aus Schneidenbach diese Aufgabe. Im Unterschied zu den Schulen in den Dörfern war der Unterricht in der Industrieschule für die Kinder bzw. deren Eltern kostenlos, freilich hatten sie die Gelder in Form des Profits für den Unternehmer mühevoll erarbeitet. Über die Leistungsfähigkeit des Unterrichts braucht man keine Worte zu verlieren - nach so viel Stunden monotoner Arbeit der Kinder mußte sie notgedrungen auf dem untersten Niveau bleiben. Die Zustände an der Petzoldschen Industrieschule gaben Anlaß zur Kritik. Der für den Schulbezirk zuständige Pfarrer Kretzschmar aus Limbach beschwerte sich deshalb in einem Schreiben vom 5. Juli 1820 an den Plauener Superintendenten Johann Friedrich Wilhelm Tischer darüber, daß der Unterricht in der Fabrik nach Feierabend gehalten wird, und er bat seinen Vorgesetzten, eine günstigere Tageszeit für die Schule zu erwirken. Tischer wandte sich zur näheren Klärung an den Spinnereibesitzer Petzold, doch dieser antwortete am 20. Juli 1820 keineswegs zu dem aufgeworfenen Problem. Vielmehr verteidigte er mit vielen Worten den Nutzen seiner Schule und die Selbstlosigkeit, aus der heraus er diese betreiben ließ. Wörtlich hieß es: "Es ist ausgemacht, daß alle diese Kinder, die in solchen Stunden Unterricht erhalten, noch mehr lernen, als sie bei ihnen der Fall sein könnte und würde, wenn sie nicht in der Maschine (dieser Ausdruck wurde damals oft anstelle des Wortes Fabrik gebraucht - R.S.) arbeiteten und Gelegenheit hätten, diese Stunden zu benutzen....In der Maschine nun haben diese Kinder nicht nur ihren verhältnismäßigen Verdienst..., sondern auch unentgeltlichen Unterricht, der um so vorteilhafter für sie seyn muß, als sie ihn pünktlich abwarten müssen, keine Stunde versäumen dürfen und eben deshalb auch das, was ihnen zu wißen nöthig ist, wirklich erlernen." Superintendent Tischer war mit dieser Antwort nichtzufrieden, und er wandte sich daraufhin an seine vorgesetzte Stelle, das Konsistorium in Leipzig. Diese Kirchen - und Schulaufsichtsbehörde wies in einer Verordnung vom 17. November 1820 den Spinnereibesitzer Petzold an, künftig eine Vormittagsstunde für den Unterricht zu verwenden. Doch diese Forderung rief Petzold auf den Plan, und er brachte die Sache nun endlich auf den Punkt: Vormittags die Kinder zu unterrichten würde bedeuten, sie aus dem laufenden Produktionsprozeß herauszureißen und damit seiner "ganzen Spinnfabriken ... auch zwey Stunden gänzlicher Stillstand" aufzuerlegen, also auch die Erwachsenen brotlos zu machen. Er wandte sich deshalb mit einer Appellation an die höchste Gerichtsinstanz des Landes, König Friedrich August I.. Mit blumigen Worten schilderte er seine wohltätigen Bemühungen, die Kinder zu unterrichten, um dann drastisch zu erklären, welche Konsequenzen der Vormittagsunterricht für ihn hätte: "Müßte ich dieser Verordnung nach leben, so würde ich wahrhaftig mein ganzes Maschinen-Werk, und damit mein ganzes Vermögen, und die Quelle meiner ganzen Erhaltung aufs Spiel setzen." Das königliche Appellationsgericht fällte ein salomonisches Urteil. Es bat den Superintendenten Tischer dafür zu sorgen, "daß die Absicht den Unterricht auf eine deßen Erfolg nicht erschwerende Stunde zu verlegen, thunlichst erreicht und doch dabei eine bedeutende Unterbrechung der Fabrikarbeit nicht verursachen werde.." Die Lösung sah so aus, daß der Unterricht auf die Nachmittagsstunden verlegt wurde, also in die Arbeitszeit hinein. Die Kinder erschienen einzeln zum Unterricht, wurden vom Katecheten kurz unterwiesen und gingen an ihren Arbeitsplatz zurück. Ob sich die Unterrichtsergebnisse verbessert haben, darf mit Recht bezweifelt werden.

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