Oberpfarrer Ackermanns Schulaufsicht in Auerbach

22.05.1997von Roland Schmidt

 

Es klingt wie ein schlechter Scherz, dennoch ist es historisch verbürgt: In Auerbach wurden vor knapp 200 Jahren drei Lehrer wegen mangelnder Erfüllung ihrer Pflichten ins Gefängnis geworfen. Der Rektor der Stadtschule, Johann Michael Herold, musste drei Wochen absitzen, während der Organist Förster und der Mädchenlehrer Böhme mit nur einer Woche Haft davonkamen. Maßgeblichen Anteil an dieser drakonischen Maßnahme hatte der Auerbacher Oberpfarrer Wilhelm Ackermann, der sein kirchliches Amt von 1787 bis 1825 in der vogtländischen Stadt bekleidete und damit auch die Funktion des Schulinspektors in seinem Kirchspiel innehatte. Dieser Aufgabe stellte er sich mit großem Engagement und einfühlsamer Umsicht. Er stellte hohe Anforderungen an sich selbst, und er verlangte Gleiches auch von den Lehrern seines Kirchenbezirks. Energisch hatte er deshalb den Einwand von Rektor Herold zurückgewiesen, allein die Kinder und deren Eltern seien an den Missständen an der Auerbacher Schule schuld. Vielmehr sah er den eigentlichen Grund für den Verfall in der geringen Achtung, in der Lehrer stünden, einer Tatsache, die sich wohl auch auf ihr eigenes Verhalten gründe. Wer war dieser Auerbacher Oberpfarrer? Wilhelm Ackermann wurde am 28. Mai 1758 in Stollberg im Erzgebirge als Sohn eines Sattlers geboren. Seine außergewöhnliche Begabung verhalf ihm 1772 zu einer Freistelle an der Fürstenschule Schulpforte, einer damaligen Möglichkeit für Kinder armer Eltern, eine höhere Bildung zu erwerben. Er nutzte die Zeit zum fleißigen Lernen, so dass er 1779 in Leipzig ein Theologiestudium aufnehmen konnte. Die weit verbreitete Praxis, nach dem Examen die Wartezeit auf eine Pfarrstelle als Lehrer zu überbrücken, schlug Ackermann aus. Vielmehr nahm er eine Tätigkeit als Diakon in Weißenfels auf, bevor er im November 1787 die Berufung zum Auerbacher Pfarrer erhielt. In dieser Funktion erwies er sich als verständnisvoller Anwalt für die sozialen Probleme seiner Gemeindemitglieder. Er gehörte zu den Theologen des 18. Jahrhunderts, die sich den Ideen der Aufklärung verpflichtet fühlten. Die Hebung des Bildungsniveaus des Volkes, das Durchsetzen der Vernunft war ihr Anliegen, und ganz in diesem Sinne übte Ackermann auch seine Schulaufsicht aus. Er setzte sich Zeit seines Lebens für die Hebung des Volksschullehrerstandes ein, indem er ihre Bemühungen um eine bessere materielle Lebenslage unterstützte und sie ermutigte, die - insgesamt bescheidenen - Möglichkeiten einer Weiterbildung zu nutzen. Er forderte die Lehrer auf, untereinander gesellige Kontakte zu pflegen und dabei Erfahrungen auszutauschen. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran, indem er in solchen Runden die verschiedensten Fragen aufwarf, die damals die Menschen bewegten. Ackermann war regelmäßig in den Schulen seines Amtsbezirkes anzutreffen. War das für Auerbach und die umliegenden Ortschaften noch relativ leicht zu bewältigen, so war das Inspizieren in den abgelegenen Walddörfern um Klingenthal und Rautenkranz mit einigen Strapazen verbunden. Er achtete auf den pünktlichen Schulbesuch der Kinder und scheute sich auch nicht, nachlässige Eltern in der "Schulpredigt" an ihre Pflichten zu erinnern. Schließlich führte er neue Lehrbücher ein, die damaligem Ansprüchen gerecht wurden, so die beiden Religionsbücher des Plauener Superintendenten Dr. Tischer und dessen Leipziger Amtskollegen Dr. Rosenmüller. Dieses beharrliche Bemühen zeigte bald ansprechende Erfolge. Die Auerbacher Stadtschule verzeichnete innerhalb weniger Jahre einen beachtlichen Leistungsanstieg, der die eingangs geschilderte Situation vergessen ließ. Das belegte die steigende Zahl von Knaben, die zur Plauener Lateinschule übergingen beziehungsweise mit Erfolg eine handwerkliche oder kaufmännische Lehre aufnahmen. Auch in den Dörfern seines Amtsbezirks bewirkte Ackermann eine Hebung des Unterrichtsniveaus. Seine eigenen Kinder erzog Ackermann ebenfalls im Sinne der Aufklärung und des Einsatzes für die sozialen Belange der Gesellschaft. Sein ältester Sohn Wilhelm Heinrich (1789 bis 1848) wurde nicht nur ein bekannter Freiwilliger, der bei den Lützower Jägern gegen Napoleon kämpfte, sondern er galt auch als einer der fähigsten Schüler Pestalozzis, der den Ideen seines Lehrmeisters ein Leben lang treu blieb. Sein zweiter Sohn Gustav Adolph (1791 bis 1872) ließ sich zunächst als Rechtskonsulent in Elsterberg und später als Anwalt und Schriftsteller in Dresden nieder. Er sorgte sich um die soziale Not des Volkes und versuchte, ihr abzuhelfen. Die durch ihn 1829 veranlasste Gründung der Elsterberger Strohflechtschule ist nur ein Beispiel dafür. Magister Wilhelm Ackermann hatte 38 Jahre lang die Auerbacher Pfarrstelle inne, und er bewegte in diesem Amt auch als Schulinspektor für die Bildung und Erziehung der Kinder in und um Auerbach sehr viel. Sein plötzlicher Tod am 22. Juni 1825 war deshalb für das vogtländische Schulwesen ein herber Verlust.

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