Plauen hatte einst zwei katholische Volksschulen

26.06.1997von Roland Schmidt

 

Selbst die älteren Plauener bürger werden sich kaum noch erinnern können: In der Vogtlandmetropole gab es in den ersten zwei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts zwei katholische Volksschulen. Sie entstanden inmitten traditionell evangelischen Gebietes und waren somit auf ihre Weise Beleg für das ungestüme Wachstum der Stadt vor dem Ersten Weltkrieg. In Plauen hatte sich nach der Reformation Luthers Lehre relativ schnell durchgesetzt. Bereits 1527 war Georg Eulner als protestantischer Pfarrer an der Stadtkirche St. Johannis tätig, und zwei Jahre später wurde er zum ersten evangelischen Superintendenten ernannt. Seit dieser Zeit hatte die katholische Glaubenslehre im gesamten Vogtland keine organische Basis mehr. Die wenigen Katholiken, die es in den Städten und Gemeinden gab, lebten in der Diaspora und hatten es auf Grund ihres anderen christlichen Bekenntnisses gegenüber ihren evangelischen Mitbürgern im Alltag oftmals keineswegs leicht. Erst 1840 fanden in plauen wieder katholische Gottesdienste statt. Die Gottesackerkirche (die heutige Lutrherkirche) stellte dazu die Räumlickeiten zur Verfügung, während der Pfarrer extra aus Zwickau anreisen mußte. Erst 1860 wurde in Plauen der erste katholische Pfarrer angestellt, und bis zur Jahrhundertwende fanden die Gottesdienste in einem angekauften Haus in der Schloßstraße statt. Für die katholischen Kinder gab es keine besondere Schule, sie gingen in die durchweg evangelischen Schulen der Stadt und erhielten lediglich einen gesonderten Religionsunterricht. Das seit 1875 einsetzende stürmische Wachstum der Stadt erforderte aber eine andere Lösung. Die Hochkonjunktur der Spitzenund Gardinenindustrie zog viele Arbeitskräfte aus allen Teilen Deutschlöands an, so daß kurz vor der Jahrundertwende mit der Gesamtzahl der Einwohner auch die Zahl der Bürger katholischen glaubens rasch anstieg. Von 1895 bis 1900 stieg die Plauener Einwohnerzahl von rund 55 000 auf 73 000, und die Zahl der in Plauen lebenden Katholiken wuchs in der gleichen Zeit von 1700 auf knapp 4000. Damit stellten sie eine politische Kraft dar, deren Einfluß auf die Geschicke der Stadt nicht übersehen werden durfte, und ihre Forderungen nach einem eigenen Kirchgebäude und eigenen Schulen war von der Stadtverwaltung nicht mehr zu überhören. Bereits am 2. Dezember 1896 hatte Oberbürgermeister Dr. Dittrich die katholischen Väter der Stadt zu einer Beratung eingeladen, in deren Verlauf ein katholischer Schulvorstand gewählt wurde. Dieser erarbeitete eine Schulordnung, die zwei Jahre später vom Königlichen Ministerium für Kultus und öffentlichen unterricht bestätigt worden ist. Gleichzeitig beaufsichtigte der Schulvorstand den Bau einer eigenen Schule in der Ziethenstraße (heute Thomas-Mann-Straße), die am 10. April 1899 ihrer Bestimmung übergeben wurde. Zwei Jahre später wurde in unmittelbarer Nachbarschaft die katholische Kirche geweiht. Die Schule begann mit 179 Schülern ihre Tätigkeit, 148 von ihnen hatten vorher evangelische Schulen der Stadt besucht, 31 waren Schulanfänger oder frisch Zugezogene. Zunächst war die Schule vierklassig eingerichtet, aber schon Michaelis 1899 konnte sie sechsklassig und Ostern 1900 gar siebenklassig weitergeführt werden, nachdem entsprechende Erweiterungsbauten fertiggestellt worden waren. Seit dieser Zeit trug sie den offiziellen Namen "Katholische Bürgerschule". Ab 1904 wurde für besonders befähigte Schüler eine "mittlere Abteilung" eingerichtet, deren Unterricht auf ein höheres Bildungsniveau abzielte. 1907/08 besuchten 670 Kinder die Schule, wobei - für die damalige Zeit eher ausßergewöhnlich - Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet wurden. Der Zuzug von Bürger katholischen Glaubens hielt jedoch wieterhin an. Von den 121 000 Einwohnern, die die Stadt 1910 zählte, waren knapp 10 000 Katholiken. Für deren Kinder reichte die eine Schule in umittelbarer Nähe der Friedrich-August-Brücke nicht mehr aus. Im Sommer 1907 wurde deshalb in der Heynigstraße in der Südvorstadt der Grundstein für eine Außenstelle gelegt, die Ostern 1908 geweiht wurde. Bei aller Fürsorge der Stadt für die Errichtung der beiden Schulen nahmen diese aber im Plauener Schulwesen einen besonderen Status ein. Sie waren keine städtischen Einrichtungen, vielmehr unterstanden sie der katholischen Konsistorialbehörde in Dresden und besaßen eine eigene Schulordnung. Folglich waren auch die Lehrer - im Gegensatz zu ihren Kollegen an evangelischen Volksschulen - keine städtischen Angestellte sondern Bedienstete der Kirche. Ihre Ausbildung hatten sie am Katholischen Lehrerseminar zu Bautzen erhalten, das seit 1851 bestand. In der genannten Form überdauerten beide Schulen den Ersten Weltkrieg. Die im Zuge der Novemberrevolution vollzogene Umwandlung des Königreiches Sachsen in einen Freistaat brachte wichtige Veränderungen für das Schulwesen. Bereits im Dezember 1918 wurde die Aufhebung getrennter Schulen für evangelische und katholische Kinder verfügt. Das ging nicht ohne Auseinandersetzungen ab, und im September und Oktober 1920 organisierte die katholische Elternschaft gar einen Schulstreik gegen die "Durchmischung" der Schulklassen mit Kindern beider Konfessionen. Doch die Weichen waren bereits anders gestellt: am 1. August 1920 wurden die katholischen Lehrer in den städtischen Dienst übernommen. Wenige Wochen zuvor hatte die Stadt die Verwaltung beider Schulen angetreten, die als- bald als "Goetheschule" (Ziethenstraße) und "Höcknerschule" (Heynigstraße) geführt wurden.

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