Plauen sorgt für sittlich gefährdete Kinder

28.12.1999von Roland Schmidt

 

Als vor 100 Jahren die Stadt Plauen dank der florierenden Spitzenindustrie innerhalb kurzer Zeit zur Großstadt heranwuchs, war dieser Prozeß nicht nur von Glanz-, sondern auch von einigen Schattenseiten begleitet. Eine der schmerzlichsten Erscheinungen war die wachsende Zahl sittlich gefährdeter Kinder, vor allem aus den untersten sozialen Schichten. Täglich harte Arbeit von Vater und Mutter in den Fabriken, oft gepaart mit Kinderreichtum, schlechten Wohnbedingungen und elementarer Not hatten manche Familie zerüttet und die Kinder in eine hoffnungslose Situation gebracht. Weitblickende Pädagogen der Stadt wie der Schulleiter Christian Friedrich Krause (1831 - 1897) hatten dieses Problem schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts kommen sehen und auf die Notwendigkeit hingewiesen, für diese Kinder ein spezielles Erziehungsheim zu schaffen. Er fand dafür aber noch kein Gehör, so daß es erst einige Jahre später seinem Lehrerkollegen Johannes Delitsch (1858 - 1920) gelang, diese Idee zu verwirklichen. Johannes Delitsch sah seine Lebensaufgabe in der Hilfe und Betreuung sozial benachteiligter und sittlich gefährdeter Kinder. Er stammte aus Leipzig und war seit 1879 im Plauener Schuldienst, zunächst als Lehrer und seit 1906 als Direktor der Hilfsschule, die sich im Gebäude der 5. Bürgerschule in der Jößnitzer Straße befand. Sein bedeutendstes Werk war jedoch die Gründung des Friedrich-Krause-Stiftes in Reusa. Delitsch hatte um 1910 maßgebende Stellen der Zwickauer Kreishauptmannschaft sowie des Plauener Rathauses für das Projekt gewinnen können, und er hatte auch über private Sponsoren die nötigen Gelder aufgetrieben, um ein Heim für sittlich gefährdete Kinder zu erbauen. Am 25. März 1911 wurde eine letzte große Aktion gestartet, die einen Reingewinn von 66 000 Mark und damit den Grundstock für das Baukapital erbrachte. Die Stadt Plauen übergab zur gleichen Zeit dem Verein "Jugendfürsorge" ein ca. 10 000 qm großes Grundstück des Reusaer Rittergutsflures auf Erbpacht, und Ende März 1911 begannen die Bauarbeiten. Im Herbst war das Gebäude mit einem Kostenaufwand von 93 000 Mark fertiggestellt worden, und am 29. Oktober 1911 erfolgte seine feierliche Weihe als "Friedrich-Krause-Stift". Wenige Tage später zogen die ersten Kinder ein. Zunächst waren es nur drei, aber nach kurzer Zeit war mit etwa 30 bis 35 Plätzen die normale Auslastung erreicht. Zum 10jährigen Jubiläum konnte man auf 157 Kinder, und weitere zehn Jahre später (1931) auf insgesamt 334 Zöglinge verweisen, die nach längerem Aufenthalt aus dem Heim entlassen worden waren. Dazu kamen noch zahlreiche Kinder, die von der Jugendfürsorge zur vorübergehenden Betreuung eingewiesen waren. Das Friedrich-Krause-Stift verfolgte das Ziel, die vernachlässigten und benachteiligten Kinder wieder auf den Weg ins Leben zu führen, wobei es sich familiennaher Erziehungswege bediente. Die Kinder sollten in Liebe und Geborgenheit aufwachsen, untereinander wie Geschwister leben und ein echtes Vertrauensverhältnis zu ihren Erziehern aufbauen. Johannes Delitsch bezeichnete das Stift treffend als "freundliche Herberge einer großen Familie". Eine wichtige Rolle spielte die Arbeitserziehung, die als entscheidende Vorbereitung auf eine eigenständige Lebensführung gesehen wurde, zugleich aber auch als vortreffliche Schulung des Willens der Kinder. Natürlich verfolgte sie auch einen unmittelbaren Nutzen, denn die Produkte der eigenen Gärtnerei deckten einen Großteil des Gemüsebedarfs der Heimküche. Doch auch andere Erziehungsziele wurden verfolgt, so die religiöse Bildung und die körperliche Ertüchtigung. Turnen, Schwimmen, Spiele und Wanderungen hatten im Wochenablauf der Einrichtung einen festen Platz. Die Erziehungsergebnisse der kleinen Gruppe von Sozialpädagogen des Friedrich-Krause-Stiftes konnten sich sehen lassen. So konnten bis 1921 von insgesamt 157 Kindern bzw. Jugendlichen etwa die Hälfte in eine Berufslehre bzw. in ein Arbeitsverhältnis vermittelt werden, und 47 Kinder konnten in ihr Elternhaus zurückgeführt werden. Ähnliche Erfolge gab es in den zwanziger Jahren. So leistete das Friedrich-Krause-Stift eine aufopferungsvolle Arbeit in einer schweren Zeit, es war für seine Bewohner eine freundliche Einrichtung in einer rauhen Umwelt.

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