Prorektor Pfretzschner - erster Pädagoge als Plauener Ehrenbürger

17.10.2003von Roland Schmidt

 

Als 1899 der Friedhof an der Lutherkirche zum heutigen Lutherplatz umgestaltet wurde, erhielten die Grabplatten besonders verdienter Persönlichkeiten an den Außenmauern der Kirche einen neuen Platz. Darunter war auch die von Prorektor Prof. Dr. Christian Gottlieb Pfretzschner, der am 6. Februar 1861 in Plauen verstorben war. Die Grabplatte ist zwar in den Wirren der Zeit abhanden gekommen, doch das ändert nichts an der Ehre, die auch heute noch die Nachwelt dem Verstorbenen schuldet. Wer war Christian Gottlieb Pfretzschner? Worin lagen seine besonderen Verdienste für die Stadt, die ihn 1854 zu ihrem Ehrenbürger ernannte? Christian Gottlieb Pfretzschner stammte aus Adorf, wo er am 8. August 1897 als Kind eines Lohgerbers geboren wurde. Zunächst besuchte er die Adorfer Stadtschule, danach lernte er von 1811 bis 1816 am Plauener Lyceum. Vor allem die alten Sprachen hatten es ihm angetan, so dass er sich für ein Studium der Philologie an der Universität Leipzig entschied. Von Prof. Dr. Gottfried Hermann ausgebildet, dem bedeutendsten deutschen Altphilologen jener Zeit, kehrte Pfretzschner schon nach drei Jahren als Lehrer nach Plauen zurück. Er fand Anstellung an der Schule, die ihn einst selbst geprägt hatte. Dreieinhalb Jahrzehnte - bis Ostern 1854 – war Pfretzschner an Plauens hoher Schule tätig. Er erteilte in Prima und Sekunda Latein und Griechisch, zunächst als Lehrer, später als Konrektor. Als 1835 das Plauener Gymnasium gegründet wurde, erhielt er den Titel - Prorektor - und fungierte als Stellvertreter des ebenfalls aus Adorf stammenden Rektors, Prof. Dr. Gottlob Dölling. Er galt als fordernder und fördernder Lehrer der ihm anvertrauten Schüler, und gewiss bedeuteten 23 Wochenstunden Unterricht in den oberen Klassen einschließlich ihrer Vorbereitung sowie die Korrekturen von Schülerarbeiten schon ein ausreichendes Arbeitspensum. Doch sie machte nur die eine Seite von Pfretzschners Wirken für das Plauener und vogtländische Bildungswesen aus. Die andere und letztlich wichtigere Seite waren seine Bemühungen um die Fortbildung der Jugend und um die Förderung ihrer mathematisch-naturwissenschaftlichen und technischen Bildung. Diese Disziplinen gewannen in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts immer größere Bedeutung. Die sich überall entfaltenden Fabriken, der Eisenbahnbau und die intensiveren Handelsbeziehungen verlangten von vielen Menschen umfassendere Kenntnisse auf diesen Gebieten. Prof. Dr. Pfretzschner war einer der Männer, die diese Zeichen der Zeit verstanden und in fruchtbare Konzeptionen umsetzten. So trat er Anfang der dreißiger Jahre dafür ein, dass auch in Plauen – wie zuvor in anderen sächsischen Städten – eine „Sonntagsschule“ gegründet wurde. Sie sollte der schulentlassenen Jugend auf freiwilliger Basis Gelegenheit geben, ihre in der Volksschule erworbenen, zumeist bescheidenen Kenntnisse und Fertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen zu festigen und zu vertiefen, und so ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Pfretzschner entwarf dafür Lehrpläne, er gewann viele seiner Lehrerkollegen zu unentgeltlichem sonntäglichen Unterricht, und er warb eine ausreichende Zahl interessierter Schüler. Am 22. Januar 1832 war es soweit, die Plauener „Sonntagsschule“ wurde eröffnet. 254 junge Männer erhielten sonntags nach dem Kirchgang einen zweistündigen Unterricht zur Wahrung und Vertiefung ihrer Allgemeinbildung. Christian Gottlieb Pfretzschner oblag die ehrenamtliche Leitung der Einrichtung, und eine seiner wichtigsten Aufgaben war es, bei Industrie und Handwerk die für die Schule notwendigen Sponsorengelder aufzubringen. Das „Gesetz, das Elementar-Volksschulwesen betreffend“ vom 6. Juni 1835 forderte auf, die Sonntagsschulen auch Mädchen zugänglich zu machen. Gleichzeitig empfahl es, bestehende (allgemeinbildende) Sonntagsschulen in „Gewerbliche Sonntagsschulen“ umzuwandeln. Sie sollten die technische Bildung der Jugendlichen fördern, indem vor allem Mathematik, Naturwissenschaften, technisches Zeichnen und Musterzeichnen gelehrt wurden. In Plauen geschah das wiederum unter der Leitung von Prorektor Pfretzschner, und Michaelis 1836 nahm diese Schulform ihre Arbeit auf. Wenige Monate vorher, im Mai 1836, war Plauen neben Zittau und Chemnitz die Ehre zuteil geworden, eine „Königliche Gewerbschule“ zu beherbergen. Sie war eine staatliche Einrichtung, an der Knaben ab dem vollendeten 14. Lebensjahr einen dreijährigen Vollzeitkurs absolvierten. Sie wurden in Mathematik, Physik, Chemie, Technischem Zeichnen, Freihand- und Musterzeichnen sowie in Deutsch und Französisch unterrichtet. Auch Maschinenlehre gehörte zum Fächerkanon. Die Königliche Gewerbschule bereitete auf gehobene Tätigkeiten in Industrie und Gewerbe vor, jedoch auch auf ein Studium technische Diszplinen, das damals an der Polytechnischen Schule Dresden (der heutigen Technischen Universität) und an der Bergakademie Freiberg möglich war. Wiederum war Professor Pfretzschner der spiritus rector der Einrichtung, und unter seiner Leitung erzielte die Schule beachtliche Erfolge. Sie war zunächst auch im „Voigtländischen Kreisschulhaus“ am Schulberg und später in der Bürgerschule an der Syrastraße untergebracht. Am 2. November 1840 wurde ihr eine Baugewerkeschule angegliedert, die Keimzelle der späteren Plauener Staatsbauschule. In seiner Ansprache zur Eröffnung der Baugewerkeschule konnte Pfretzschner seine eigentliche Profession als Altsprachler nicht verleugnen, indem er auf das Vorbild des antiken Griechenlands für die Entwicklung der Architektur verwies. Gleichzeitig demonstrierte er aber auch, wie sehr er sich den aktuellen Anforderungen an den künftigen Beruf seiner Zöglinge verpflichtet fühlte: „Ein tüchtiger Baumeister kann offenbar nur der genannt werden, der fest, bequem, schön und billig baut,“ rief er den jungen Männern zu, und er verpflichtete sie, diesen Ansprüchen durch intensives technisches, künstlerisches und kaufmännisches Studium gerecht zu werden. Die Königliche Gewerbschule bestand in Plauen bis 1854, danach wurde sie in eine Realanstalt umgewandelt und mit dem Gymnasium verbunden. Es war eine umfangreiche Aufbauarbeit, die Prorektor Pfretzschner in seinen vielfältigen ehrenamtlichen Funktionen zum Wohle des Plauener und vogtländischen Schulwesens leistete. In erster Linie war er bemüht, das Leistungsniveau dieser Schulen zu heben. Er konzipierte Unterrichtspläne und achtete auf ihre sorgfältige Umsetzung. Gleichzeitig warb er immer wieder mit großer Energie bei Handwerksmeistern und Fabrikbesitzern um finanzielle Unterstützung „seiner“ Bildungsstätten, denn schließlich profitierten die Angesprochenen ja von den Ergebnissen der Unterrichtsarbeit. Aber erst 1854 gelang es ihm, sie zu vertraglich fixierten Jahresbeiträgen zu verpflichten. Gleichzeitig war er bestrebt, immer mehr Jugendliche für den Besuch der Sonntagsschule zu gewinnen. Als stellvertretender Abgeordneter der II. Kammer des sächsischen Landtages bediente er sich dazu auch der Möglichkeiten des Parlaments, indem er den Antrag stellte, den Besuch der Sonntagsschulen zur gesetzlichen Pflicht für alle Jugendlichen zu erklären. Doch das geschah erst 12 Jahre nach seinem Tod, im sächsischen Volksschulgesetz vom 26. April 1873, allerdings vorerst nur für die Knaben. Bis 1851 unterrichtete Christian Gottlieb Pfretzschner in der Sonntagsschule, danach fungierte er „nur“ noch  als ihr Leiter. Als er 1854 in den Ruhestand treten wollte, glückte ihm das aber nur hinsichtlich seiner hauptamtlichen Tätigkeit am Gymnasium. Für seine ehrenamtliche Funktion an der gewerblichen Sonntagsschule gelang ihm das nicht. Ausschlaggebend dafür war ein Brief des Plauener Stadtrates. Die Stadt – so steht geschrieben – würde „ein empfindlicher Verlust treffen“, wenn er die Direktion der Sonntagsschule niederlegen würde, so dass sie ihn „ebenso dringend als ergebenst“ ersucht, sie weiter auszuüben. Die Stadtväter hatten sich nicht verrechnet: Christian Gottlieb Pfretzschner leitete die gewerbliche Sonntagsschule bis zu seinem plötzlichen Tod am 6. Februar 1861, und die Stadt wusste ihm das auf vielfältige Art zu danken.

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