Sachsens Volksschullehrer tagten 1903 in Plauen

27.09.2003von Roland Schmidt

 

Vor 100 Jahren, vom 27. - 29. September 1903, hatte die Stadt ihr Festkleid angelegt, und auch das Wetter zeigte sich von der besten Seite. Überall wehten bunte Fahnen, und an den Zufahrtsstraßen entboten grüne Girlanden den Gästen ein herz- liches Willkommen. Es galt rund 1600 Volksschullehrern, die sich zur XIII. Hauptversammlung des Sächsischen Lehrervereins trafen, um aktuelle schulpolitische und pädagogische Fragen sowie soziale Probleme ihres Berufsstandes zu erörtern. Die Stadt Plauen war nach 1856 und 1879 zum dritten Mal Gastgeber für die Vertreter des mittlerweile rund 11 000 Mitglieder zählenden Sächsischen Lehrervereins. Die Plauener Volksschullehrer hatten keine Mühe gescheut, die Tagung sorgfältig vorzubereiten und somit ihren Kollegen aus allen Teilen Sachsens unvergessliche Eindrücke vom Vogtland und seiner Hauptstadt zu vermitteln. Darüber hinaus hatten auch - was anderswo keineswegs so war - die Plauener Stadtväter der Lehrerversammlung höchste Aufmerksamkeit gewidmet. Das bewiesen sie durch entsprechende finanzielle Unterstützungen, durch die Gestaltung eines prachtvollen Festes im Jocketaer Hotel "Vogtländische Schweiz", durch ihre Teilnahme an den Verhandlungen und an vielen Veranstaltungen des Rahmenprogramms, vor allem aber durch ihr eindeutiges Bekenntnis zu ihren Pflichten gegenüber der Volksbildung. "Jede kommunale Verwaltung, die ehrlich für ihr anvertrautes Gemeinwesen ringt, hat als eine ihrer ernstesten und wichtigsten Aufgaben die Förderung des Schulwesens", erklärte Oberbürgermeister Dr. Johannes Ferdinand Schmid in seinem Grußwort an die Lehrer, und er konnte das für die Stadt Plauen mit gutem Gewissen tun. Die Hauptversammlungen des Sächsischen Lehrervereins fanden in der zur "Festhalle" herausgeputzten neuen Turnhalle am Anger statt. Als erster Redner sprach dort Seminaroberlehrer Dr. Richard Seyfert aus Annaberg (er war bis 1898 Schuldirektor in Oelsnitz und später von 1919 bis 1920 sächsischer Kultusminister) über die "Pädagogische Idee". In eindringlichen Worten setzte er sich mit den negativen Folgen der Arbeitsteilung für die Persönlichkeitsentwicklung auseinander, und er forderte, sie durch erhöhte Vermittlung von Bildung und Kultur auszugleichen. Begeisternd rief er seinen Kollegen zu, die Schüler durch Selbsttätigkeit zur Selbstständigkeit und damit zum eigenen Bildungserwerb zu führen. Nach ihm sprach Oberlehrer Emil Schuster von der 2. Bürgerschule Plauen über die Mädchenfortbildungsschule, einem der damals drängendsten pädagogischen Probleme. Das "Gesetz über das Volksschulwesen" vom 26. April 1873 hatte die Fortbildungsschule, eine Keimform der heutigen Berufsschule, nur für alle Knaben zur obligatorischen Einrichtung erklärt. Für die Mädchen hatte es aber nur vage Regelungen getroffen, indem es solche Schulen mit zweijähriger Dauer nur für die Absolventen der einfachen Volksschule vorsah, es jedoch der freien Entscheidung der Schulvorstände überließ, diese Schulen überhaupt zu gründen. Diese "Kann-Bestimmung" blieb nahezu überall nur bloßes Papier, allerdings nicht in Plauen. Die aufstrebende Spitzenstadt war der einzige Ort Sachsens, wo diese Mädchenfortbildungsschule Wirklichkeit geworden war. Schon 1876 war sie unter der Leitung von Direktor Karl Friedrich Höckner in der 3. Bürgerschule am Anger eingerichtet worden, 1882 wurden auch in der (späteren) Krause- und Schillerschule solche Einrichtungen geschaffen. Ab 1895 waren wieder alle Plauener Mädchenfortbildungsklassen in der Bürgerschule an der Neundorfer Straße (Gebäude der heutigen Vogtland-Bibliothek) zusammengefasst worden, und 1903 verteilten sich 1027 Schülerinnen auf 33 Klassen. Die 14- bis 16jährigen Mädchen wurden in enger Anlehnung an den Volksschullehrplan wöchentlich zwei Stunden in Deutsch und Rechnen sowie in den Realien unterrichtet. Entsprechend dem damals vorherrschenden Leitbild für Frauen stand die Vorbereitung der Schülerinnen auf ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter im Mittelpunkt, doch auch ihre Erwerbstätigkeit in der Industrie wurde in der Zielstellung des Unterrichts beachtet. Mit Stolz konnte Oberlehrer Schuster über die Erfolge der Plauener Mädchenfortbildungsschule berichten, deren Nutzen sich in besser vorbereiteten weiblichen Arbeitskräften in der Spitzen- und Gardinenindustrie niederschlug. Viele der auswärtigen Gäste fragten sich zu Recht, warum in ihren Heimatorten die seit 30 Jahren grundsätzlich eingeräumte Möglichkeit solcher Mädchenfortbildungsschulen ungenutzt geblieben war, und sie nahmen mit Freude die Einladung an, die Arbeit der Plauener Schule mit eigenen Augen. zu sehen. Das Schulhaus konnte den Ansturm der Interessenten kaum fassen. Die erlebten Unterrichtsstunden und auch die ausgestellten Schülerarbeiten fanden hohe Anerkennung. Sie regten viele Gäste an, mit größerem Nachdruck für ähnliche Einrichtungen ihren Heimatkreisen einzutreten. Der dritte Redner der Hauptversammlung, Dr. Spitzner aus Leipzig, beschäftigte sich mit den Aufgaben des Staates bei der Entwicklung der Volksschulen. Er kritisierte das damals in Sachsen geltende Prinzip, die Volksschulen allein aus den Kassen der Kommunen zu finanzieren, weil das ein großes Leistungsgefälle zwischen reicheren und ärmeren Kommunen zur Folge hatte. Im Interesse der Chancengleichheit für alle Kinder forderte er eine einheitliche Finanzierung der Volksschule durch den Staat. Schließlich referierte der Leipziger Lehrer Richard Goldhahn über den Bau eines eigenständigen Hauses für die Comenius-Bücherei in Leipzig, eine wichtige Einrichtung für die fachliche Weiterbildung der Lehrer in ganz Deutschland. Zahlreiche Nebenversammlungen, z.B. zur Kranken- und Brandschutzversicherung der Lehrer, zum Hilfsschulwesen, zum Stenographieunterricht u.a., deren Tagungsorte sich über die ganze Stadt verteilten, vervollständigten die offiziellen Veranstaltungen. Doch die Plauener Gastgeber hatten auch ein Rahmenprogramm aufgestellt, das sich sehen lassen konnte und manchen Gast vor die schwere Frage stellte, wofür er sich entscheiden sollte. Dazu gehörte eine sehenswerte Lehrmittelausstellung in der Angerschule ebenso wie eine Führung durch die Königliche Kunstschule für Textilindustrie, die den Gästen Einblick in die dort seit Jahren betriebenen Naturstudien zum Zeichnen von Pflanzen und ihre Weiterführung ins Musterzeichnen gewährte. Die sächsischen Lehrerseminare nutzten die Gelegenheit, ihre ehemaligen Zöglinge zu Wiedersehensfeiern einzuladen. So trafen sich die Absolventen des Auerbacher Seminars im "Theater-Restaurant", während sich die Grimmaer und Rochlitzer im "Restaurant am Tunnel" einfanden, um alter Zeiten zu gedenken. Auf musikalischem Gebiet wurden drei große Konzerte angeboten. Der Plauener Lehrergesangverein unter Paul Rascher und das Stadtorchester unter Musikdirektor Werner gaben in der Haupttagungsstätte am Anger ein Konzert. In der neu erbauten Pauluskirche dirigierte Kantor Friedrich Ernst Nostitz 250 Schülerinnen und Schüler der II. Bürgerschule und bereitete den Gästen - wie es in den Kritiken hieß - einen "herzerquickenden Genuss". Schließlich kam in der Johanniskirche unter Leitung von Kirchenmusikdirektor August Riedel Brahms "Deutsches Requiem" zur Aufführung. Auch diese Veranstaltung stellte dem Plauener Musikleben ein solides Zeugnis aus. Nicht zuletzt gehörte ein umfangreiches touristisches Angebot zum Rahmenprogramm. Plauener Lehrer führten ihre Gäste auf drei verschiedenen Routen durch die Stadt, und für den Tag nach der Konferenz lockten Ausflüge ins obere Vogtland,nach dem Fichtelgebirge oder ins Saaletal bei Ziegenrück. Schließlich sei ein erlebnisreicher "Kommers" erwähnt, der im "Felsenschlösschen" an der Meßbacher Straße stattfand und bei dem unter anderen der Lehrer Louis Riedel seine Kollegen mit eigenen Dichtungen in vogtländischer Mundart unterhielt. Voll, fast übervoll war das Programm der sächsischen Lehrertagung Michaelis 1903 in Plauen. Doch die Mühen der Gastgeber hatten sich gelohnt. Die sächsischen Lehrer lernten die aufstrebende Stadt und weite Teile des Vogtlandes kennen, und sie erfuhren wertvolle Anregungen hinsichtlich der Mädchenfortbildungsschulen - denn die gab es nur hier in Plauen.

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