Vogtländische Volksschulen am Beginn des ersten Weltkrieges

03.08.2004von Roland Schmidt

 

„Schöne Ferien und gute Erholung!“ –mit diesen Worten verabschiedeten sich Mitte Juli 1914 wie überall in Deutschland auch die vogtländischen Volksschullehrer von ihren Schülern. Dieselben Wünsche galten ihren Kollegen an den Schulen und in den Lehrervereinen. Doch das erhoffte fröhliche Wiedersehen nach vierwöchiger Sommerpause Mitte August gestaltete sich ganz anders. Es war Krieg, und das gesamte Leben verlief plötzlich nach anderen Gesetzen. Der gewohnte Lebensrhythmus setzte aus, die Kämpfe an der Front bestimmten das Tagesgeschehen, und die Macht des Krieges drang auch bis in die Klassenzimmer der entlegendsten Schule ein. Viele Kinder wussten ihre Väter „im Felde“, und auch zahlreiche Lehrer waren nach den Ferien nicht mehr in der Schule anzutreffen, weil sie unter Waffen standen. Doch so schlimm und lebensbedrohend die neue Situation für alle Beteiligten war – im August 1914 wurde sie von den wenigsten so empfunden. Die meisten Kinder sahen ihre Väter als Helden, die draußen dem „Feinde“ trotzten und „Deutschlands Ehre“ retteten. Die einberufenen Lehrer zogen mit einer Begeisterung in den Krieg, die für uns heute unvorstellbar ist, und die an der Schule Verbliebenen erachteten es - so ein führendes Mitglied des Sächsischen Lehrervereins – als „ernste und heilige Pflicht eines jeden, in schwerer Schicksalsstunde sich mit all seinen Kräften dem Vaterland zur Verfügung zu stellen...“ Und da der deutsche Kaiser Wilhelm II. den Soldaten versprochen hatte, „bevor das Laub von den Bäumen fällt, werdet ihr wieder zu Hause sein“, würde sich dieser Auftrag – ob an der Front oder im Hinterland – ja in kurzer Zeit erledigt haben... Dieser „Hurrapatriotismus“ beherrschte auch die vogtländischen Lehrer, und die meisten wehrfähigen Männer zogen mit Begeisterung gen Frankreich und Russland, „um für Deutschlands Ruhm und Ehre“ zu streiten. Bis Ende des Jahres 1914 war etwa jeder dritte vogtländische Volksschullehrer zur Armee einberufen worden, und in vielen Briefen an die Schüler berichteten sie von ihrem Alltag an der Front. So schrieb ein Lehrer am 16. August 1914 an seine Knabenklasse in Untersachsenberg-Georgenthal über die ersten Kämpfe in den Vogesen und seine Verwundung, und er forderte die Schüler auf: „Betet, dass unserer gerechten Sache der Sieg beschert werde. In der Hoffnung, dass wir uns als Sieger wiedersehen werden, grüßt Euch Euer treuer A. Entschel.“ Wenige Tage später schrieb der Lengenfelder Lehrer Paul Gretschel an seine 5. Klasse über seine Kriegserlebnisse in Frankreich. Realistisch schilderte er ein verlassenes Schlachtfeld mit verwesenden Leichen und Tierkadavern, zerschossenen Häusern und weggeworfenem Kriegsgerät, doch sein Fazit und das seiner Kameraden lautete: „...und jeder nahm sich vor: Du willst tüchtig mithelfen, die Franzosen und Russen zu besiegen, damit nicht solche Not und Elend nach Deutschland kommt.“ Die Beispiele ließen sich fortsetzen, zumindest für das erste Kriegsjahr gab es sie zuhauf. Die in der Heimat verbliebenen Lehrer waren indes nicht untätig. So führte der Plauener Lehrerverein gleich in den ersten Augusttagen 1914 eine außerordentliche Mitgliederversammlung durch, um Aktivitäten für die Kriegszeit zu beraten. Einstimmig wurde beschlossen, je 500 Mark – damals beachtliche Summen – aus der Vereinskasse dem Roten Kreuz und dem Wohlfahrtsausschuss zu spenden, die zur Armee einberufenen Lehrer bis zum Kriegsende vom Mitgliedsbeitrag zu befreien und die Lehrerfamilien zu unterstützen, die durch den Krieg in Not geraten werden. Der Bezirkslehrerverein Oelsnitz spendete 300 Mark, der Auerbacher 200 Mark. Die Elsterberger Lehrer verpflichteten sich, ältere Bürger beim Schreiben von Briefen an ihre Angehörigen an der Front zu unterstützen. Ihre Kollegen in Lengenfeld verzichteten ab Oktober 1914 „für die Dauer des Krieges“ zugunsten der Kriegshilfskasse auf 5 % ihres Gehalts, und die oberen Mädchenklassen der Bürgerschule strickten Wollsachen für die Soldaten. Am Auerbacher Lehrerseminar meldeten sich 24 Seminaristen als Kriegsfreiwillige, von denen 20 als tauglich befunden wurden und binnen weniger Tage einrückten. Auch diese Beispiele ließen sich fortsetzen. In den Schulstuben selbst blieben die Lehrpläne unverändert, aber die Stoffverteilung wurde anders akzentuiert. Im Deutschunterricht wurde den Dichtern der Befreiungskriege 1813 größere Aufmerksamkeit geschenkt, und die säbelrasselnden Reden Kaiser Wilhelms II. wurden als „klassische Meisterstücke“ behandelt. Im Geschichtsunterricht erfuhren die Kinder, dass der Krieg Deutschlands „Schicksalsstunde“ sei, in Erdkunde rückten die kriegführenden Länder in den Mittelpunkt der Betrachtungen, und in der Naturkunde waren plötzlich Themen wie Schießen und Sprengen sowie Feldtelegraphie die wichtigsten Inhalte. Diese Ausrichtung auf „kriegswichtige“ Themen ließen das ohnehin nicht hohe Niveau des Volksschulunterrichts weiter absinken. Die beträchtlichen personellen Ausfälle infolge der Einberufung vieler Lehrer zur Armee ließen sich auf die Dauer nicht ausgleichen. Zwar wurden viele pensionierte Lehrer aufgerufen, wieder in den Schuldienst einzutreten, und verheiratete Lehrerinnen erhielten – entgegen dem strengen Verbot im noch gültigen Volksschulgesetz von 1873 – die Erlaubnis, wieder in ihrem Beruf zu arbeiten, doch diese Maßnahmen konnten nur einen Teil des Unterrichts absichern. Folglich gehörten Stundenausfälle genauso zum schulischen Alltag wie das „Zusammenlegen“ zweier Klassen. Da die Ersatzlehrkräfte ihre Schüler gar nicht so schnell kennen lernen konnten, wurde an den Plauener Volksschulen auf die Ende September anfallenden Michaeliszensuren verzichtet. Ein halbes Jahr später – Ostern 1915 – wurden die Schüler ohne besonderen Leistungsnachweis versetzt, wobei man sich der scheinheiligen Losung „Wegen der großen Völkerprüfung muss die Kinderprüfung fallen“ bediente. Wegen des Krieges wurde im Frühjahr 1915 die inhaltlich anspruchsvollere Bildungskonzeption der in der Karl- /Ecke Bärenstraße beheimateten I. Höheren Bürgerschule aufgehoben, an anderen Volksschulen wurden verschiedene reformpädagogische Versuche gestoppt. Vor allem aber litten die Schüler selbst in zunehmendem Maße unter dem Krieg. In immer mehr Familien war der Tod des Vaters zu beklagen. Trauer und Sorge um die tägliche Existenz belasteten viele Kinder und ließen das Lernen zur Nebensache werden. Schließlich häuften sich auch die Nachrichten über gefallene Lehrer. Walter Hafner aus Treuen und Walter Zimmer aus Rodewisch fielen bereits am 20. August 1914 an der Westfront. Sie dürften die ersten Kriegsopfer unter den vogtländischen Volksschullehrern gewesen sein, denen in den folgenden Herbst- und Wintermonaten viele weitere folgten. Der Lehrerverein Plauen hatte bis Ende 1914 zehn gefallene Kollegen zu beklagen, die gleich hohe Zahl an Toten stand auch im Bezirkslehrerverein Auerbach zu Buche. Dazu kamen zahlreiche vermisste oder verwundete Lehrer, einige befanden sich in Gefangenschaft. Am 28. Februar 1915 – ein halbes Jahr nach dem Brief an seine Lengenfelder Schüler – fand auch Paul Gretschel in der Champagne ein grausames Ende. Jedes Kriegsopfer war eines zu viel, und natürlich rief auch der Tod dieser vogtländischen Volksschullehrer weiteres menschliches Leid hervor. Die Familienangehörigen, die Kollegen und die Schüler trauerten um sie, und die Toten selbst waren durch niemanden zu ersetzen. Die meisten waren noch keine dreißig Jahre alt, und eigentlich lag das Leben noch vor ihnen... In den Todesanzeigen schrieben Angehörige und Kollegen meist vom „Heldentod“ der Gefallenen, und in ihrem Schmerz mögen das viele Hinterbliebene für sich auch so gesehen haben. Jedenfalls regte sich damals – zumindest in der Öffentlichkeit – unter den vogtländischen Lehrern noch keine kritische Stimme zu dem sinnlosen Völkermorden und dem damit einhergehenden Verfall aller menschlichen Werte. Zwei, drei Jahre später sollte sich das ändern – doch bis dahin hatte der Krieg viele weitere Opfer gefordert.

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