Vor 170 Jahren: Grundsteinlegung für Plauener Bürgerschule

04.10.2008von Roland Schmidt

 

Vor 170 Jahren, am 4. September 1838, gab es für die Plauener gleich doppelten Grund zur Freude. Zum einen würdigten sie die erste sächsische Verfassung, die sieben Jahre vorher verkündet worden war, zum anderen freuten sie sich über die Grundsteinlegung zur Bürgerschule an der Syrastraße. Diese war längst überfällig, denn die räumlichen Bedingungen des Plauener Schulwesens waren bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts äußerst bedrückend. Zwar hatte das 1815 auf Initiative des Superintendenten Johann Friedrich Wilhelm Tischer (1767 - 1842) eröffnete „Voigtländische Kreisschulhaus“ am Schulberg die permanente Schulraumnot etwas entschärft, doch blieb dieses Gebäude in unmittelbarer Nähe zur Johanniskirche allein den Knaben vorbehalten. Die Mädchen mussten sich weiter mit zwei Klassenzimmern im „Gemeindekirchkasten“ Ecke Kirchplatz/Untere Endegasse begnügen, die die rund 240 Schülerinnen kaum fassen konnten. Die ärmeren Kinder der Stadt waren auf die sieben Torschulen angewiesen, wo sie in notdürftig eingerichteten Räumen von Hilfslehrern oder Seminaristen unterrichtet wurden.

Dieses „Schulelend“, das Plauen auch im Vergleich mit anderen sächsischen Städten schlecht aussehen ließ, ging zu Lasten der jungen Generation. Die Stadtväter waren sich der Misere wohl bewusst, doch es fehlte am nötigen Geld, ihr durch einen repräsentativen Neubau zu entkommen. Die verheerende Wasserflut der Syra, die am 22. Juli 1834 schwere Zerstörungen angerichtet hatte, vergrößerte die Finanzsorgen und rückte den Wunsch nach einer neuen Schule weit nach hinten. Doch schon ein Jahr später wurden Bürgermeister Ernst Wilhelm Gottschald (1795 – 1871) und seine Stadträte von der Wirklichkeit eingeholt. Das „Gesetz, das Elementar-Volksschulwesen betreffend“, das der sächsische Landtag am 6. Juni 1835 verabschiedet hatte, verpflichtete die Städte und Gemeinden des Königreiches, für alle 6- bis 14-jährigen Kinder angemessenen Schulraum zu schaffen und qualifizierten Unterricht zu sichern. Die Stadt musste handeln. Sie bildete einen Ausschuss, dem verdienstvolle Bürger wie der Fabrikant E.W.C. Gössel (1760 – 1843) und Kantor Johann Friedrich Fincke (1778 – 1868) angehörten. Seine Aufgabe war es, einen geeigneten Bauplatz zu finden und die nötigen Gelder aufzutreiben, vor allem aber die Plauener Bürger für das Projekt zu gewinnen. Im „Vogtländischen Anzeiger“ erschienen Artikel wie „Die Notwendigkeit der Organisation der Bürgerschule zu Plauen“ (1836), aber auch andere Schriften informierten über Ziel und Aufgaben der geplanten Schule: „Unsere allgemeine Bürgerschule soll ... den Zögling befähigen, durch eigene Fortbildung einst seine gewerbliche und öffentliche Stellung mit Nutzen und Ehren auszufüllen, die ihm künftig seine bürgerlichen Verhältnisse ausweisen werden...Die Bürgerschule heißt allgemeine, weil sie alle schulfähigen Kinder, sowohl Knaben als auch Mädchen, sowohl reiche als auch arme, in ihren Schoß aufnehmen ... soll“, hieß es in einem der Dokumente. Unter dem Aspekt der weiter wachsenden Stadt – sie zählte 1836 rund 10 000 Einwohner – sollte die Bürgerschule bis zu 2000 Kinder aufnehmen können. Als Bauplatz bot sich das Gelände des ehemaligen Gasthofes „Zum goldenen Herz“ an der Syrastraße an, das 1834 von der Wasserflut weggespült worden war. Durch den Abriss zweier benachbarter Privathäuser und des Syrauer Tores konnte die Fläche auf die erforderliche Größe erweitert werden. Der Ausschuss konnte auch die Finanzierung des Neubaus sichern, die einschließlich der Innenausstattung rund 20 000 Taler erforderte. Die Summe wurde durch den Verkauf von Schuldscheinen aufgebracht, die mit jährlich 4 % verzinst wurden und eine Laufzeit von 26 Jahren hatten. Jeder Bürger hatte die Möglichkeit, Schuldscheine im Wert zwischen 12½ und 500 Talern zu erwerben, halbjährlich wurde per Los entschieden, welche Schuldscheine vorzeitig getilgt wurden. Auch das Aufbringen der Zinsschulden war bis ins kleinste Detail geregelt. Schließlich wurden die Plauener Baufachleute Otto Roßbach (Außenbau) und Wilhelm Vogel (Innenbau) für die Erstellung der Baupläne gewonnen. Im Frühjahr 1838 begannen die Gründungsarbeiten, die sich auf dem Gelände eines früheren Teiches schwieriger als erwartet gestalteten, und am 4. September 1838, dem Tag der ersten sächsischen Verfassung, war es soweit: In Anwesenheit der Honoratioren der Stadt erfolgte die feierliche Grundsteinlegung für die Plauener Bürgerschule. Nach knapp dreijähriger Bauzeit, am 3. Juni 1841, konnte sie ihrer Bestimmung übergeben werden. Für 1200 Kinder verbesserten sich schlagartig die Unterrichtsbedingungen und Plauen besaß endlich eine Volksschule, die den Bestimmungen des Gesetzes vom 6. Juni 1835 gerecht wurde. In den folgenden Jahren durchlief das Schulgebäude eine wechselvolle Geschichte: Höhere Bürgerschule, Realschule, Oberrealschule und wieder Realschule – bis es bei der Bombardierung 1945 ausbrannte und seine Ruinen 1948 abgetragen wurden.

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