Zum 100. Geburtstag der Plauener Friedensschule - Folge 5

27.12.2009von Roland Schmidt

 

5. Folge: Die „neue Zierde der Stadt“ wird geweiht

Am 5. Oktober 1909, einem Dienstag, bewegte sich ein feierlicher Umzug von Lehrern und Schülern durch die Stadt. Vom alten Schulgebäude in der Syrastraße führte der Weg über die Neundorfer Straße und Friedrich-August-Brücke zum neuen Realgymnasium unterhalb des Bärensteins, das nun nach anderthalbjähriger Bauzeit geweiht wurde. War das angesichts des prachtvollen Gebäudes eine recht kurze Frist, so hatten die Plauener und viele Interessenten aus allen Teilen des Vogtlandes dennoch lange auf diesen Tag warten müssen, war doch der Neubau angesichts des Raummangels in der Syrastraße längst überfällig gewesen. Entsprechend groß war die Teilnahme der Öffentlichkeit an der festlichen Eröffnung, so dass in der herrlichen Aula beileibe nicht alle Gäste Platz fanden. Orgelmusik und Choräle gaben der Veranstaltung ein festliches Gepräge, und die Reden von Oberbürgermeister Dr. Johannes Ferdinand Schmid und von Geheimrat Dr. Friedrich Konrad Seeliger als Vertreter des sächsischen Kultusministers würdigten die Entstehung und Bedeutung des neuen Realgymnasiums für Plauen und das gesamte Vogtland, und Rektor Prof. Dr. Theodor Matthias erläuterte nach einem Dank an Bauherrn, Architekten und Bauarbeitern die künftigen Ziele der Bildungsstätte. Knapp 800 000 Mark hatte die Plauener Stadtverordnetenversammlung am 10. September 1907 für die Bau- und Nebenkosten bewilligt, und der Plauener Architekt Otto Voigt hatte in engem Kontakt mit Stadtbaudirektor Arno Dolzig ein Schulhaus projektiert, das der Stadt alle Ehre machte. Es erstreckte sich auf einer Grundfläche von rund 1700 m² und war nach den damals modernsten Gesichtspunkten gestaltet worden. Bereits die Eingangshalle lud zum Lernen ein, wo vier Säulen Sinnbilder für Industrie, Technik, Wehrkraft und Wissenschaft verkörperten, und von den Wänden grüßten die Büsten von Helmholtz, Liebig, Gauß, Shakespeare, Dürer und Luther – durchweg Persönlichkeiten, deren Schaffen im direkten Bezug zum Bildungsauftrag eines Realgymnasiums stand. In Erdgeschoss, erster und zweiter Etage warteten insgesamt 20 Klassenräume mit 30 oder 42 Plätzen auf die Schüler. Sie waren allesamt so konzipiert, dass sie Sonnenlicht erhielten, das die hellen, freundlichen Farben der Wände noch verstärkte. Die Chemie- und Physikräume im Erd- bzw. 1. Obergeschoss waren mit ansteigenden Sitzreihen ausgestattet und umfassten auch Arbeitsplätze für entsprechende Schülerübungen. In der 3. Etage befanden sich die Räume für Zeichnen, Musik und den Knabenhandfertigkeitsunterricht, darüber hinaus waren dort diverse Lehrmittelzimmer, die Schülerbibliothek und der damals noch übliche Karzer untergebracht. Das unumstrittene Schmuckstück der Schule war jedoch die über der Turnhalle gelegene, rund 275 m² große Aula, an deren Bühnenseite sich eine Orgel befand. Die Decke wurde von einem in Kassetten unterteiltes Tonnengewölbe gegliedert, und die großen Fenster wurden durch Glasmalereien verziert. Dieser Festsaal war nicht nur der Schule vorbehalten, sondern wurde innerhalb kurzer Zeit ein begehrter Ort für wissenschaftliche und kulturelle Veranstaltungen aller Art. Das gesamte Schulgebäude erzielte durch seine verschiedenen, dem ansteigenden Gelände geschuldeten Gesimshöhen, durch den runden Treppenhausturm sowie die Aussichtsplattform über der Aula eine ausdrucksvolle Außenwirkung. Sie wurde durch den nach Süden vorgelagerten Schulhof mit einer Fläche von 2600 m² noch verstärkt, so dass das neue Schulhaus am Bärenstein sehr schnell als „neue Zierde der Stadt“ bekannt wurde. Doch die größte Auszeichnung stand ihm noch bevor: Auf Veranlassung des sächsischen Kultusministeriums wurden Fotos des Realgymnasiums sowie der Unterrichtsräume für Physik und Chemie im Herbst 1910 auf der Deutschen Schulausstellung in Brüssel gezeigt. Sie fanden hohe Anerkennung und führten zur Auszeichnung mit einer goldenen Medaille, die Rektor Prof. Dr. Matthias im Januar 1912 im Rahmen einer festlichen Sitzung des Plauener Stadtrates übergeben wurde. Am 6. Oktober 1909, einen Tag nach der feierlichen Einweihung, begann in der neuen Schule der Unterricht. 415 Schüler in 18 Klassen, jeweils zwei pro Jahrgang, wurden von insgesamt 30 Lehrern unterrichtet. An der in Plauen bewährten Lehrkonzeption wurde kaum etwas verändert, Französisch blieb für alle Schüler ab Sexta die erste Fremdsprache, zwei Jahre später setzte Latein ein, und in der Obertertia folgte schließlich Englisch. Diese Regelung hatte als „Sprachenfolge Plauener Ordnung“ in Sachsens höherem Schulwesen mehrfache Nachahmung erfahren, ermöglichte sie doch wegen des Lateinunterrichts erst ab Quarta, die endgültige Entscheidung über einen insgesamt sechsjährigen lateinlosen oder neunjährigen Lehrgang mit Latein bis zum Abitur zwei Jahre später als an anderen Realgymnasien zu treffen. Schwieriger als die Sondierung der Schüler für das Realgymnasium war die Trennung der Lehrerschaft. Sie hatte von allen Beteiligten hohes Verantwortungsbewusstsein und zugleich viel Fingerspitzengefühl verlangt, bedeutete doch die Einordnung in getrennte Kollegien für die an der Realschule verbliebenen 19 Kollegen eine geringere Vergütung und letztlich auch gesellschaftliche Anerkennung. Doch das alles trat im Herbst 1909 hinter dem Erreichten zurück. Die Freude über die neue Schule am Bärenstein überwog, zumal sie ja auch von den in 12 Klassen unterteilten 330 Realschüler einige Monate direkt erlebt wurde. Da das alte Schulgebäude an der Syrastraße einer dringenden Renovierung bedurfte, fanden die meisten Klassen vorübergehend im Realgymnasium ein Ausweichquartier. Dieser Zustand währte bis zum Frühjahr 1910, danach nahm das Realgymnasium unter Leitung von Prof. Dr. Theodor Matthias und ab 1924 von Dr. Johannes Zwicker eine sehr erfolgreiche Entwicklung. Die Zahl der Schüler stieg kontinuierlich an, vor allem wurde es zur weiterführenden Bildungsstätte für erfolgreiche Realschüler aus anderen vogtländischen Städten. 1933 wurde es wie alle Schulen in Deutschland der Ideologie des Nationalsozialismus verpflichtet, bevor die braunen Machthaber 1937/38 das gesamte höhere Schulwesen umstrukturierten und das Realgymnasium auflösten. Die Schule am Bärenstein wurde Heimstätte der Wirtschaftsoberschule . Nach 1945 zog in das von Bomben relativ gering beschädigte Gebäude die zum Abitur führende Oberschule für Jungen ein, 1949 wurde sie eine Grundschule für 6 – 14-jährige Kinder, später eine zehnklassige polytechnische Oberschule. Am 20. September 1949 verliehen ihr die Stadtverordneten mit gutem Grund den Namen „Friedensschule“, unter dem sie auch heute als leistungsstarke Mittelschule allen Plauenern ein Begriff ist.

Tags: Friedensschule, Matthias, Plauen

Home » Höheres Schulwesen » Zum 100. Geburtstag der Plauener Friedensschule - Folge 5